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Sekunde

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Von: Sylvia Staude

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Eine sogenannte Schaltsekunde, die unauffällig zwischen alle anderen Sekunden eines Jahres springen musste, gab es seit 1972 genau 27-mal.
Eine sogenannte Schaltsekunde, die unauffällig zwischen alle anderen Sekunden eines Jahres springen musste, gab es seit 1972 genau 27-mal. © Julian Stratenschulte/dpa

Die Aufgabe einer Schaltsekunde und ihre Betreuung ist äußerst verantwortungsvoll. Doch bald soll sie im Nichts verschwinden.

Eine Sekunde kann keineswegs auf die leichte Schulter genommen werden. Das meinen nur Faultiere, weil sie wegen ihres Namens gar nicht anders können, Schnecken und Menschen, die gern sagen „Moment“ – und die andere mit schrecklich langen Momenten in den Wahnsinn treiben. Sprinterinnen, Bobfahrer, generell viele um Medaillen kämpfende Leute werden bestätigen, dass schon ein Zehntel einer Sekunde, manchmal gar ein Hundertstel die Laune ganz schön drücken kann. Paradoxerweise wenn man sie hat und die Konkurrenz nicht.

Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht in Paris hat jetzt (also nicht in dieser Sekunde, sondern vor schon einer ziemlichen Menge von Sekunden, die gedruckte Zeitung ist bekanntermaßen eine Schnecke) beschlossen, die Schaltsekunde abzuschaffen. Vom Jahr 2035 an soll es keine Extrasekunden mehr geben. Und nein, die Mitglieder der Generalkonferenz für Maß und Gewicht dürfen sie darum noch lange nicht behalten, um sie zum Beispiel in einen Kuss einzufügen.

Eine sogenannte Schaltsekunde, die unauffällig zwischen alle anderen Sekunden eines Jahres springen musste, gab es seit 1972 genau 27-mal. Denn die Erde neigt dazu, bei ihrer täglichen Umdrehung ein wenig zu trödeln (oder vielleicht hat sie auch ungünstige Ampelschaltungen erwischt, wer weiß). Die astronomische Zeit hinkt also immer mal der Atomzeit hinterher, die man sich als allergrößte Pedantin auf Gottes weitem Erdenrund vorstellen muss. Sie ist nicht bereit, auch nur eine Sekunde auf ihre Cousine zu warten. Was sie seit neuesten Entwicklungen noch nicht einmal müsste: Die Erde hat beschleunigt, so dass in sieben bis acht Jahren eigentlich eine negative Schaltsekunde nötig würde. Man stelle sie sich als Sekunde vor, die zwischen ihren Mitsekunden herausspringt ins … äh – Nichts? Man sieht: Die Aufgabe einer solchen Sekunde und ihrer Betreuung ist äußerst verantwortungsvoll.

Darum also – „technisch anspruchsvoll“ – soll es weder die positive noch die negative Schaltsekunde in Zukunft noch geben. So dass sich in den nächsten 100 Jahren laut Forschung zwischen Weltzeit UTC und astronomischer Zeit ein Unterschied von rund einer Minute auftun könnte. (Aber wer wird wem hinterherhinken? Und was, wenn die Erde weiter beschleunigt, um es, also alles, schnell hinter sich zu bringen?)

Felicitas Arias, frühere Direktorin des Internationalen Büros für Maß und Gewicht, versichert indessen, dass die meisten Menschen die Schaltsekundenabschaffung „nicht spüren“ werden. Da hat sie sicher recht. Schaltsekunden werden in den nächsten paar Hundert Jahren noch eines der geringsten Probleme der Menschheit sein.

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