1896 schuf die Pionierin Alice Guy-Blaché einen der ersten narrativen Filme.
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1896 schuf die Pionierin Alice Guy-Blaché einen der ersten narrativen Filme.

Times mager

Seit 1896

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Kreativwettbewerb ist ein großes Wort, an dem die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in diesem konkreten Dokumentarfilm-Fall schnöde scheitert

Wenn Fernsehsender Kreativwettbewerbe ausschreiben, erwarten sie als Antwort nicht unbedingt einen Proteststurm. Nun protestieren mehr als 500 Filmschaffende mit einem Offenen Brief gegen die Ausschreibung „Regisseurin gesucht“, die seit 27. Oktober auf der Website des Senders steht. Filmemacherinnen werden darin aufgerufen, auf eigene Kosten Kurzdokumentarfilme zum Thema „Unbeschreiblich weiblich“ herzustellen und an den Sender zu schicken. Der Gewinnerin winkt ein Entwicklungsvertrag für eine 52-Minuten-Doku (was noch kein Regieauftrag ist).

Bei Arte zeigt man sich überzeugt, auf diesem Wege den Überhang von Männern produzierter Dokumentarfilme einzudämmen: „Fakt ist“, heißt es im Ausschreibungstext, „dass viel zu wenig Dokumentarfilme von Frauen auf Arte gezeigt werden … Warum nur zeichnet sich diese Realität bisher nicht auf den Bildschirmen ab? Und welche Bedeutung kann dem Genre Dokumentarfilm beigemessen werden, wenn es den weiblichen Blick nicht ausreichend miteinbezieht? Mit dem neu ausgerufenen Wettbewerb erhalten Regisseurinnen die Möglichkeit, die Welt auf ihre ganz spezifische Weise zu erzählen.“

Das klingt ein wenig so, als wollte man sich das Feigenblatt von den Benachteiligten gleich selbst, pardon, häkeln lassen. „Wir bezweifeln, dass Arte mit dieser Initiative die fehlende Repräsentation von Regisseurinnen ändern wird“, heißt es im Protestbrief, den die Filmemacherinnen Pary El-Qalqili und Biene Pilavci verfasst haben. Mit ihrer Initiative „Pro Quote Film“ engagieren sie sich seit Jahren für eine fünfzigprozentige Repräsentanz von Filmemacherinnen im Programm. Insbesondere die thematische Eingrenzung stößt auf Kritik: „Arte limitiert die Ausschreibung auf das Thema ‚Unbeschreiblich weiblich‘. Das heißt, die Regisseurinnen werden in ihrem Schaffen von vornherein auf die Themen der vermeintlichen ‚Weiblichkeit‘ und des ‚weiblichen Blicks‘ reduziert.“ Tatsächlich klingt „unbeschreiblich weiblich“ nach dem Pseudo-Feminismus mancher Modezeitschriften. Könnte man sich vorstellen, dass von Regisseuren Ähnliches verlangt würde? Von weiteren in ihrer Geschlechtlichkeit oder Ethnizität unterrepräsentierten Gruppen ganz zu schweigen.

Zu Recht kritisiert der Brief auch eine Fokussierung auf den Nachwuchs, als gäbe es nicht qualifizierte Regisseurinnen in allen Generationen. Muss man immer noch daran erinnern, dass Frauen seit 1896 Filme machen, als die Pionierin Alice Guy-Blaché einen der ersten narrativen Filme aller Zeiten schuf? Ein wenig Nachhilfe wünschen sich die Protestierenden da schon: Sie fordern „verpflichtende Fortbildungen zu Feminismus- und Gendergleichberechtigung für alle Arte-Redakteur*innen und Programmverantwortlichen.“

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