1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Seele

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stephan Hebel

Kommentare

Welche Seelen diese Stühle wohl schon beherbergt haben?
Welche Seelen diese Stühle wohl schon beherbergt haben? © Peter Endig/dpa

Die Vielfältigkeit unserer Rede von der Seele

Nicht dass Kollege S. zum ersten Mal am See gewesen wäre, aber es bedurfte schon einer gemeinsamen Reise mit lieben Freunden, bis er die Seele überhaupt zur Kenntnis nahm. Das geschah dadurch, dass die Befreundeten behaupteten, sie hätten mehrere Seelen zu Hause beziehungsweise in ihrer Ferienwohnung.

Kollege S. antwortete zunächst etwas forsch, er seinerseits habe seine Seele immer bei sich. Aber schnell sah er ein, dass dieser schlechte Scherz lediglich seiner eigenen Unwissenheit geschuldet war, denn es lag auf der Hand, dass mit Seele in diesem Fall nicht jener schwer bestimmbare Teil des Menschen gemeint sein konnte, der seine Spiritualität aus- und ihn zumindest potenziell beziehungsweise teilweise unsterblich machen soll.

Das Wort erinnere ihn, lenkte S. dennoch schnell ab, an seine Mutter, die jede Gabe einer mühsam erquengelten Süßigkeit mit den Worten „Dann hat die arme Seele Ruh“ begleitet habe. Eine Formulierung, die sich, wenn auch missverständlich, auf das Lukas-Evangelium beziehe, dozierte S. Missverständlich deshalb, weil die Geschichte vom reichen Bauern keineswegs mit dessen Satz „Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!“ ende, sondern natürlich mit dem Wort Gottes, das da laute: „Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?“

Ja, unterbrach einer der Freunde rasch, in der Bibel sei sehr wohl die Seele gemeint, die jeder Mensch in sich und immer mit sich trage. Und die jederzeit „gefordert werden“ könne, was nichts anderes bedeute als den leiblichen Tod, von dessen sinnlosen Varianten wir Tag für Tag zu lesen hätten. Aber er hätte schon erwartet, so der Freund, dass Kollege S. wisse, von welcher Art Seele die Rede sei, wenn darauf hingewiesen werde, dass sie sich in der Ferienwohnung an diesem See befinde.

Kollege S. aber, dem Schwäbischen durchaus zugewandt, spazierte in die nächste Blamage mit der Vermutung, „Seele“ könne dann in dieser Gegend wohl nur so etwas bedeuten wie einen kleinen See: eine schöne Badewanne vielleicht? Aber warum in einer Ferienwohnung gleich mehrere?

Die Freunde, von der Unwissenheit des Freundes nun mit Erstaunen überzeugt, suchten den Bäcker auf und erwarben eine Seele. Kollege S. verschlang die brotähnliche Teigware mit Genuss. Die Information der Freunde, es habe sich wohl vor Zeiten um eine Art Opfergabe für die armen Seelen gehandelt, die im Fegefeuer schmorten, um vor Einlass in den Himmel für ihre Sünden zu büßen, nahm er erstaunlich gleichgültig zur Kenntnis.

Auch interessant

Kommentare