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Schwindel - Die Feuilleton-Kolumne

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Es gibt den einen und den anderen - Schwindel. Trotz des einen Schwindels soll hier einmal gar nicht von Donald Trump die Rede sein.

Viel schöner konnte das Kind sich nicht erwischen lassen, so sagt es jedenfalls die Erinnerung. „Du schwindelst“, tadelte die Mutter grinsend, wenn das Kind mit Fußballspuren an den Resten der Hosenbeine zu spät zum Mittagessen kam und verkündete: Die Bahn war zu spät. „Du schwindelst“, sagte sie auch, wenn das Kind behauptete, in der Klasse dürften alle sowohl „Lassie“ als auch „Percy Stuart“ schauen.

Wie immer, hatte sich ein Körnchen Wahrheit in den Schwindel gemengt: Die Bahn war wirklich ein bisschen spät gewesen nach der illegalen Fußballrunde im Anschluss an die sechste Stunde, und ja, der eine oder andere durfte zweimal in der Woche fernsehen.

Schwindel oder eine andere Form des Lügens

„Schwindeln“, das war die waghalsige, schwindelfreie (?) Wanderung des Kindes an der Abbruchkante zur Lüge. Und bei der Mutter schwang ein wenig Anerkennung mit für die leicht beschämt vorgetragene „Notlüge“, die von der Mutter einst für von Gott gerade noch erlaubt erklärt worden war. Wer an der Wahrheitsfront schwindelfrei ist, der werfe den ersten Stein.

Wie Sie schon bemerkt haben dürften, ist es mit dem Schwindel und dem Schwindeln gar nicht so einfach. Eindeutig steht fest, dass dem schwindelnden Jungen keineswegs schwindelig zumute war, höchstens etwas schummerig, weil er die Entdeckung seines Schwindels voraussehen konnte. Selbst das Grimm’sche Wörterbuch bietet keine Erklärung dafür, dass der Schwindel einerseits das unangenehme Gefühl des Gleichgewichtsverlusts und andererseits eine Form des Lügens bezeichnet.

„Hygienedemos„ gegen Corona-Maßnahmen

Dabei läge die Verbindung doch nahe: Wer vom Schwindel befallen ist, hat das Gefühl, dass sich entweder in seinem Kopf alles dreht oder drumherum. Wer mag ausschließen, dass da mal vor lauter Fliehkraft an die Stelle der Wahrheit eine mehr oder weniger mutwillige Erfindung rutscht?

Was würde wohl der Doktor Schiffmann dazu sagen? Er leitet eine „Schwindelambulanz“, und so eine Bezeichnung kann ja durchaus zu Missverständnissen führen. Das ist so ähnlich wie beim „Kinder“- oder „Jägerschnitzel“, bei denen das Kind und der Jäger keineswegs die Herkunft beschreiben, ganz anders als das Schwein und das Kalb beim Kalbs- oder Schweineschnitzel. In der Schwindelambulanz wird man nach offiziellen Angaben keineswegs in der Kunst des einen Schwindels unterwiesen, sondern vom anderen nach Möglichkeit geheilt.

Allerdings handelt es sich beim Leiter der Schwindelambulanz um eben jenen Doktor Schiffmann, der in letzter Zeit gern zu „Hygienedemos“ aufruft, bei denen schwindelerregende „Wahrheiten“ über ein gewisses Virus verbreitet werden. Einerseits schwindelfrei, andererseits nicht.

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