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Wilhelm Raabe (1831-1910).
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Wilhelm Raabe (1831-1910).

Times mager

Schwellenzeit

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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„Es ist eigentlich eine böse Zeit!“, stellte der Realist Wilhelm Raabe mehr als einmal und nie zu Unrecht fest.

Es ging ihm auf, ihm wurde klar, es war ihm bewusst. Also nahm er zur Kenntnis, dass er auf einer Schwelle stand. Er war 24, er war jung, er sah sich herausgefordert. Wilhelm Raabe entging nicht, dass sich eine neue Epoche ankündigte. Die Welt eine Herausforderung, aber auch er selbst eine Herausforderung für die Welt. Er realisierte, dass Sehen sehr unterschiedlichen Blickwinkeln unterliegt. Bereits ein Thema für sein Romandebüt.

Vages Bemerken, schon deutlicheres Mitkriegen, Durchschauen dann. Hinschauend sah er als Zeitgenosse den Menschen seiner Zeit dabei zu, wie sie mit „leeren Händen“ dastanden, „horchend und wartend“. In Erwartung von was?

Als Zeitgenosse sprach der Autor bereits auf der ersten Seite seiner „Chronik der Sperlingsgasse“ den Krieg an, den „vor zehn Jahren hinten in der Türkei“, den Krimkrieg von 1853–1856 also. Er erwähnte ihn ebenso wie den deutsch-dänischen von 1864 in dem „In eigener Sache“, das er im selben Jahr einer Wiederauflage voranstellte. Zehn Jahre zuvor, 1854, begann die „Chronik“ so: „Es ist eigentlich eine böse Zeit!“ Wie böse, das sollte dadurch bereits klar werden, dass die Einschätzung im ersten Abschnitt mehrfach wiederholt wurde, die Klage, der Seufzer, die Anklage: „Es ist eine böse Zeit!“

Eigentlich, genau genommen, in Wirklichkeit, unleugbar. Es ließ sich nicht ignorieren. Man musste es zur Kenntnis nehmen, aber es ließ sich aus dem, was da vor sich ging, nicht recht schlau werden, geschweige denn klug. Krieg in Europa, am Rande Europas, geführt von Russland, England, Preußen, dem Osmanischen Reich. Der Krieg war den kriegstreibenden Großmächten so etwas wie eine grauenvolle Großbaustelle zur Umgestaltung Europas. Der Baugrund, der Abgrund mochte zwar weit vom Schuss sein, zumal aus dem Blickwinkel eines Bewohners der Berliner Sperlingsgasse, in der es so gar nicht traulich zuging, vielmehr sehr turbulent, wie überhaupt Berlin zu einem Drunter und Drüber wurde. Die alten, vormaligen Verhältnisse gerieten unter die Räder der Industrialisierung.

Der Realist Wilhelm Raabe realisierte das wie kein zweiter Realist. Zu seinem Realismus gehörte ein neues Sehen, ein vielperspektivischer Blickwinkel für die deutsche Romanwelt – und damit auch in die reale Welt, über die der Autor Buch auf Buch schrieb. Im Rückblick auf sein 50 Jahre zurückliegendes Debüt datierte er es auf eine Zeit „mitten im Krimkrieg“. Auf eine Schwelle „nahe dem Verderben und die Welt nahe dem Weltkrieg“.

Wahrnehmen, sich klarwerden, ahnen. Ein Brief Raabes aus dem Jahr 1904, zehn Jahre vor der Zeit.

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