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Schwedisch

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Von: Judith von Sternburg

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Jedes Jahr ein diskretes Gnubbeln und Ruckeln am Türknauf vor der Bekanntgabe des Literatur-Nobelpreises. Kann das nicht einmal jemand in Ordnung bringen?
Jedes Jahr ein diskretes Gnubbeln und Ruckeln am Türknauf vor der Bekanntgabe des Literatur-Nobelpreises. Kann das nicht einmal jemand in Ordnung bringen? © afp

Der Moment, in dem sich die Tür öffnet - und im schwedischen Murmeln und Gurren versteht man nicht einmal die Worte Peter und Handke.

Ein spannender Moment im beschaulichen Leben einer Feuilletonredaktion ist die Bekanntgabe des Literaturnobelpreises. Man schaut lange auf eine verschlossene Tür, deren Drehknauf sich dann zu bewegen beginnt, jedes Jahr ein diskretes Gnubbeln und Ruckeln. Kann das nicht einmal jemand in Ordnung bringen? Aber womöglich handelt es sich auch um ein aufgeregtes Nein-noch-Nicht und Ja-doch-genau-Jetzt oder ein Ich-Will, Nein-Ich auf der anderen Seite.

Dann gleitet ein glatter Herr heraus, lässt sich von einem Gerangel nichts anmerken und verliest das Ergebnis. Das dauert, der glatte Herr spricht abwechselnd Schwedisch und Englisch, wobei sein Englisch angenehm Schwedisch klingt. Es ist offenbar seine Aufgabe, jene Ruhe auszustrahlen, die die Menschheit dazu befähigt hat, 20-stöckige Kartenhäuser zu bauen und Herzoperationen durchzuführen. Allerdings wäre nicht viel verloren, wenn er eine Spur auf die Tube drücken würde. In seiner Ruhe und austernhaften Verschlossenheit ist er aber auch imposant. Schöne Sprache, Schwedisch, ein Murmeln und Gurren, man wird dösig, dann plötzlich: ein Name. Im krassen Ernst der Lage versteht man nicht einmal einfache Wörter wie Peter und Handke.

Unterdessen rätselte die John-Steinbeck-Forschung darüber, warum unter dem Manuskript von „Früchte des Zorns“ das grobe englische Wort „slut“ steht. Schlampe wäre eine dezente Übersetzung, und das Dezente ist die Losung der Stunde. Die John-Steinbeck-Forschung rätselte also, und angesichts der Faksimileausgabe des Manuskripts, die soeben erstmals in Buchform herauskam, berichtete der „Guardian“, und daraufhin meldeten sich etliche Schweden. Sie machten darauf aufmerksam, dass das Wort „slut“ auf Schwedisch „Ende“ heißt, das „Ende“, das man unter einen Text schreibt. Steinbeck und seine Frau hatten Schweden bereist, es könnte ein Spaß gewesen sein, wenn auch ein aggressiver Spaß. Das Wort ist in großen Buchstaben hingekrakelt, die Handschrift des Manuskriptes hingegen: 1a, winzig, fein. Dezent. Weniger dezent die Fluchwörter im Text, die der Verlag später eliminierte. Das „Slut“ am Ende passte ins Bild, vielleicht hat auch deshalb niemand leo.org aufgerufen.

Die Steinbeck-Forscherin Susan Shilinglaw, die sich fünf Jahre mit dem Kasus beschäftigt hatte und ihn als „unlösbares Archiv-Mysterium“ bezeichnet hatte, zeigte sich froh und erleichtert.

Jetzt ist gerade noch genug Platz, um zu klären, warum schwedische Gardinen schwedische Gardinen heißen. Weil der schwedische Stahl besonders stabil war und darum oft von Haftanstalten bestellt wurde. Trotzdem ist unser Blick auf Schweden vielleicht zu eng und der Rest mit Bücherregalen vollgestellt.

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