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Schulligum

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Von: Sandra Danicke

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Vor dem Abbau des umstrittenen Großbanners „People‘s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi auf dem Friedrichsplatz fällt das schwarze Tuch.
Vor dem Abbau des umstrittenen Großbanners „People‘s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi auf dem Friedrichsplatz fällt das schwarze Tuch. © Uwe Zucchi/dpa

Wenn man zu einer Entschuldigung gezwungen wird: Ein bisschen sehr spät kommt das Entschuldigung bei der Documenta.

Mit der Entschuldigung ist es so eine Sache. Wenn sie erst kommt, nachdem man sie eingefordert hat, ist sie in der Regel nicht mehr als ein Lippenbekenntnis. So ähnlich wie auf dem Spielplatz, wo die Mutter dem trotzigen Paulchen verordnet, er habe sich jetzt gefälligst bei der kleinen Lisa zu entschuldigen, weil er ihren Ball auf die Straße geworfen hat. Wenn alles gut läuft, geht danach Paulchen zu Lisa, nuschelt etwas, das sich wohlwollend als Schulligum verstehen lässt, und der Frieden ist wiederhergestellt. Dass die Aktion eine Farce ist, wissen alle Beteiligten, aber die Form muss gewahrt bleiben.

Jetzt haben sich auch in Kassel eine Reihe von Leuten wegen des Documenta-Skandals entschuldigt. Wobei: So richtig (also zerknirscht) entschuldigt hat sich eigentlich nur das Kuratorenkollektiv Ruangrupa: „Wir entschuldigen uns für die Enttäuschung, die Scham, die Frustration, den Verrat und den Schock, den dieses Stereotyp (die antisemitischen Darstellungen auf einem Banner, d. Red.) bei den Betrachtenden und dem gesamten Team, das mit uns hart daran gearbeitet hat, die documenta 15 Wirklichkeit werden zu lassen, ausgelöst hat.“

Geschäftsführerin Sabine Schormann fand offenbar, dass nicht sie, sondern ausschließlich andere sich entschuldigen müssten: „Ich hatte gesagt, dass wir umgehend eingreifen, wenn im Rahmen der komplexen Struktur mit so vielen Beteiligten doch antisemitische Inhalte entdeckt würden. Das habe ich nun getan, um weiteren Schaden von der laufenden documenta fifteen und allen kommenden documenta Ausstellungen abzuwenden.“ Umgehend? Eingegriffen? Hatte Schormann anfangs nicht davon gesprochen, erst einmal Expertisen einholen zu wollen? Hatte sie das fragliche Werk nicht erst abbauen lassen, nachdem es keine Alternative mehr gab? Wollte sie nicht eher Schaden von sich selbst abwenden?

„Sofort nach Bekanntwerden der antisemitischen Figurenmotive auf dem Banner People’s Justice (2002) habe ich am Montag ruangrupa und Taring Padi die Grenzüberschreitung aufgezeigt, die in dieser verletzenden Darstellung liegt“, schreibt Schormann auf der Documenta-Homepage. Ich?! Frau Schormann hat Ruangrupa den Antisemitismus erklärt, pardon: aufgezeigt?

Der gesamte Rechtfertigungstext ist im Duktus der Empörung verfasst – nicht der Empörung darüber, was passiert ist, sondern darüber, dass ihr Einsatz („Ich“) nicht angemessen gewürdigt wird. Dass man als Generaldirektorin auch Verantwortung übernehmen muss, wenn man selbst den Ball gar nicht auf die Straße geschmissen hat, sollte ihr klar gewesen sein. Frau Schormann hat aber gewartet, bis ein Auto drüberfährt. Schuld sind in ihren Augen der Ballproduzent, Paulchen und der Fahrer.

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