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 „Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus.“
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„Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus.“ - Walter Benjamin.

Times mager

Schuld

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Von Schuld und Schuld, eine finanziell, die andere moralisch, und von protestierenden Argentinierinnen.

Zwischendurch mal etwas zu den verzwickten Problemen der deutschen Sprache, allerdings ohne den Anspruch, das Verhältnis zwischen moralischer und materieller Schuld im kapitalistischen Wirtschaftssystem erschöpfend behandeln zu wollen. Da müssen Sie sich schon an Walter Benjamin selig wenden: „Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus.“

Stattdessen kämpfen Sie sich bitte gemeinsam mit der FR-Redaktion durch das folgende Wort: „desendeudado“. Noch einmal: desendeudado. Das ist, wie intensive Recherchen ergaben, Spanisch und heißt – ja, hier fangen die Probleme an.

„Deuda“ heißt Schuld, sagt das Internet, aber wenn Sie das spanische Wort für „Schuld“ suchen, finden Sie zuerst: culpa. Das liegt daran, dass viele Sprachen, auch das Spanische, schön brav unterscheiden: Deuda ist die materielle, finanzielle Schuld, culpa die moralische, also die Verantwortung für einen wie auch immer gearteten Schaden materieller oder immaterieller Art.

In Argentinien, erzählt die Publizistin Julia Wasenmüller, gibt es bei Protestdemonstrationen einen schönen Slogan: „¡Vivas, libres y desendeudadas nos queremos!“ Die deutschsprachige Autorin übersetzt: „Lebendig, frei und unverschuldet wollen wir sein!“ Und hier wird es interessant.

Wir alle kennen die wohlmeinende Phrase von den „unverschuldet in Not geratenen Menschen“, und wissen Sie was? Viele von denen sind verschuldet, auf Spanisch: „endeudados“, aber so verschuldet sie auch sein mögen, sie sind es sehr oft ganz und gar unverschuldet. Wenn sie Glück haben, gibt es ein Verfahren, und am Ende sind sie „desendeudados“, also „schuldenfrei“ oder, wenn Sie so wollen, „entschuldet“ (vielleicht auch entschuldigt, aber das ist nun wieder eine moralische Frage).

Es ist sicher eine schöne Vorstellung, dass die protestierenden Argentinierinnen „unverschuldet“ werden wollen. Aber sind sie das nicht längst? Haben sie nicht vollkommen recht, wenn sie sich keiner Schuld bewusst sind, sehr wohl aber ihrer Schulden?

Wie Sie sehen, ist die deutsche Sprache in diesen Dingen eine einzige Falle, und unser Mitgefühl gilt allen, die sie lernen wollen oder müssen. Aber andererseits kommt die deutsche Sprache mit ihrer Weigerung, die materielle und die moralische Schuld in zwei getrennte Begriffe zu kleiden, der Wirklichkeit unserer Gegenwart sogar besonders nahe. Wer es nicht glaubt, kann sich gerne noch mal die Kommentare vergangener Jahre über die durch Völlerei selbst verschuldeten Schulden der verschuldeten Griechen durchlesen.

Oder, wie schon Walter Benjamin schrieb: siehe oben.

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