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Dieser Schreibtisch wirkt eher aufgeräumt. Sein Besitzer auch?

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Schreibtisch

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Genie? Wahnsinn? Hamstertum? Was der Büroschreibtisch verrät.

Ob ein extrem unaufgeräumter Büroschreibtisch ein Zeichen für Genie, Wahnsinn, Disziplinlosigkeit, Fatalismus, Depression, unterentwickeltes Zeitmanagement, schlappe Lebenseinstellung, fehlgeleitetes Sicherheitsdenken, Hamstertum, Überforderung, Faulheit oder Ausbeutung ist, sei dahingestellt. Ausbeutung durch den Arbeitgeber, um das klarzustellen, nicht durch die legitimierten Briefe-, Listen-, Memoschreiber, Programmvorschauhersteller, Paketabsender, Büroartikel-, Süßwaren- und Mineralwasserfabrikanten; Büroartikel, um auch das klarzustellen, die eigentlich dazu dienen, einen Schreibtisch ordentlicher zu strukturieren, Behältnisse für besonders wichtige Papiere und ähnliches.

Aber schon sieht man die Behältnisse nicht mehr, bloß leichte Bodenwellen auf der Papierfläche lassen von oben betrachtet ahnen, dass sich darunter ein anders geartetes Material befindet. Der Umgang mit einem extrem unaufgeräumten Büroschreibtisch wird durch archäologische Grundkenntnisse erleichtert.

Der unaufgeräumte Büroschreibtisch, ein Fossil

Er, der extrem unaufgeräumte Büroschreibtisch, wirkt dabei tatsächlich anachronistisch, ein Fossil in elektronisierter Umgebung, in der es doch reichen müsste, morgens den Computer anzustellen. So macht es uns etwa die Serie „Damages“ vor, deren vierte Staffel hinsichtlich der Rolle der US-Amerikaner in der großen weiten Welt bitter und empfehlenswert ist, in der allerdings auch wahnsinnig berufstätige Frauen Zeit finden, perfekt frisiert im Café herumzusitzen. Oder daheim auf ihrem Sofa zu liegen und privaten Besuch zu empfangen, neben sich einen Drink auf dem extrem aufgeräumten Couchtisch. Das ist unrealistisch, das muss doch unrealistisch sein. Besser trifft es in dieser Hinsicht die ebenfalls propere Serie „House of Cards“, die nach unserem Stand (erste Staffel, Episode 6) ein kinderloses Ehepaar zeigt, das 22 Stunden am Tag arbeitet und die verbleibenden 2 Stunden der körperlichen Fitness widmet. Das kann man dann wieder nachvollziehen, bekommt es selbst bloß nicht hin.

Während der Arbeitnehmer darum beschämt zurückbleibt, kann der Arbeitgeber sich erleichtert sagen: Wer Zeit hat, bei „Damages“ bis zu Staffel 4 vorzudringen und sogar „House of Cards“ (und wer weiß was noch) anzuschauen, wird ja so ausgebeutet nicht sein. Auch wird er doch mal den Schreibtisch aufräumen können, statt während der Bürozeit herumzujammern und nach dem Büro sofort die nächste DVD einzulegen. Was stimmt ist, dass man sich das wenigstens auf den Zettel mit den Dienstagsaufgaben schreiben könnte.

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