1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Schreiben

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

Meistens will der Mensch nicht schreiben.
Meistens will der Mensch nicht schreiben. © Imago

Viele wollen etwas geschrieben haben, aber wenige wollen etwas schreiben. Ein großes Problem. Die Kolumne „Times mager“.

Es ist der an Dichtung interessierte Inspektor Morse, der einmal aus WH Audens „Night Mail“ zitiert: „Letters for the rich, letters for the poor / The shop at the corner, the girl next door.“ Briefe für die Reichen und die Armen, den Laden an der Ecke, das Mädchen nebenan. Inspektor Morse ist inzwischen in den achtziger Jahren angekommen und unsereiner, wie Informierte daran sehen können, bei der ersten Morse-Serie, die zeitlich aber auf die zweite folgt, welche an sich die dritte ist, egal. Was war noch gleich der Grund für das Zitat? Irgendeine melancholische Situation, in der Morse nicht umhinkam, wieder einen Verlust zu registrieren (Nachtzüge, Briefkästen). Denn diese Serie macht dezent deutlich, dass ohne Zutun der EU etwas faul war im Königreich England. Alle guckten „Inspector Morse“, half aber nichts.

Interessant jedoch auch, dass das Briefeschreiben insgesamt längst ins melancholische Fach gewechselt ist. Morse zitiert Auden ungefähr in jener Zeit, in der A.R. Gurneys Erfolgsstück „Love Letters“ herauskam (derzeit im Frankfurter Stalburg Theater, wieder am 9. Mai). Den beiden briefeschreibenden Figuren dort ist das Briefeschreiben noch vertraut, aber längst nicht mehr zwingend. Zwingend ist nurmehr der Bedanke-mich-Brief an die Großmutter und nervt. Weder Morse aus „Inspector Morse“ noch Melissa und Andy aus den „Love Letters“ konnten ahnen, wie sehr sie auf den letzten Zipfel einer jahrhunderte-, jahrtausendealten Alltagskunst blickten.

Schreiben will der Mensch allerdings trotzdem. Nein, er will nicht schreiben, er will etwas geschrieben haben. Das klingt ähnlich, ist aber etwas völlig anderes. Also: meistens will der Mensch nicht schreiben. Ausnahmen werden Schriftstellerin oder Schriftsteller. Oder arbeiten im Journalismus, obwohl man da, offen gestanden, auch lieber etwas geschrieben haben will.

Auf der Durststrecke zwischen der Gegenwart und dem Etwas-geschrieben-Haben zeigt sich derzeit wieder in Flammenschrift die Plakatwerbung mit der Aufforderung: Schreib! Dein! Buch! Im Kleingedruckten wird gewiss erklärt, wie das gehen soll. Vielleicht erinnert sich mancher daran, dass es solche Werbung früher auch schon gab. Damals stark textlastig, sozusagen ausschließlich das Kleingedruckte. Schreiben ist anstrengend, Lesen aber auch. „Lass uns mehr schreiben als ein hey“, plappert dennoch eine andere Werbung dazwischen.

Wir dementieren noch einmal entschieden, dass wir den lieben langen Tag „Inspector Morse“ gucken. Davon kann keine Rede sein. Tagsüber arbeiten wir fleißig, abends ebenfalls. Erst viel später machen wir Quatsch, dann aber ausgiebig, das stimmt.

Auch interessant

Kommentare