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"O ja, aber es ist noch viel fürchterlicher und schrecklicher, als Sie denken." Das hätte unsere Autorin antworten wollen.

Times mager

Schreck

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Wer in der S-Bahn zu Roman Ehrlichs "Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens" greift, darf mit Rückfragen rechnen.

Unerwartet sensationell war es, Roman Ehrlichs Roman „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“ (S. Fischer) in der S-Bahn aus der Tasche zu ziehen. Die animierten, aber noch lesefähigen Teenager wussten gar nicht, wo sie hingucken sollten außer auf diesen prächtigen Titel. Zwischen Niederrad und Stadion gickelten sie, ab Stadion buchstabierten sie, und noch vor Kelsterbach fassten sie sich ein Herz und fragten, ob das eine Horrorgeschichte sei. Auf solche Fragen wartet man, weil man dann zum Beispiel sagen kann: „O ja, aber es ist noch viel fürchterlicher, als Sie denken.“ Schöner wäre es gewesen zu sagen: „O ja, aber es ist noch viel fürchterlicher und schrecklicher, als Sie denken.“ Aber selbst bei Fragen, auf die man wartet, stockt die Geistesgegenwart oft im entscheidenden Moment.

Natürlich erregt ein lesbarer, bei klarem Verstand sogar leicht lesbarer Buchumschlag ein gewisses Aufsehen an einem Ort, an dem noch vor wenigen Jahren die pure Indiskretion herrschte, weil jeder sehen konnte, mit was der andere sich befasste: Tageszeitungen, Groschenromane, Krimis, dazwischen manchmal ein Reclam-Heftchen, wenn unglück- oder saumselige Schüler noch rasch etwas reißen wollten.

Vor allem aber handelt es sich hier um einen Triumph der Umschlaggestaltung. Der fotofreie Umschlag ist extrem gelb, die Schrift ist extrem rot und kommt in linksbündiger Anordnung unverschämt untertrieben daher. Obwohl die Buchstaben nicht gerade riesig sind, mussten die Wörter „fürchterlichen“ und „schrecklichen“ getrennt werden. Das mag die Teenager kognitiv besonders beansprucht haben, es streicht aber auch das „fürchter“ und den „schreck“ attraktiv heraus. Nicht zuletzt ist der Umschlag hochglänzend. Vor der langanhaltenden Matt-Mode war das üblich.

Hätte jetzt nicht das andere Buch in der Tasche gezappelt, stünde hier allen Ernstes: Früher war alles besser. Umschläge – hochglänzend, grafisch orientiert. S-Bahn-Fahrten – die Neugier auf Mitmenschen nährend. Das andere Buch ist aber Rolf Hochhuths Aphorismen- und Notizenbändlein „Eiffelturm Titanic Mondflug Mindestrente“ (Edition A. B. Fischer, auch sehr schön gestaltet übrigens). Rolf Hochhuth äußert sich über etliches, vieles ist klug, gar hinreißend, vor allem über das Alter. Trotzdem gibt es Passagen darin, in denen man befürchten könnte, er werde ihn gleich hinschreiben, jenen Satz, der 95 Prozent von uns schließlich einholt. Hochhuth tut es nicht. Man hört den Satz trotzdem und hat wieder einmal schreckliche Angst davor, ihm eines Tages nicht mehr widerstehen zu können.

Die Teenager blickten etwas verlegen drein, bis in Rüsselsheim zusteigende Hessentagsbesucher mit einer Art Strohhütchen und in raumgreifender Stimmung eh alles durcheinanderbrachten.

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