1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Schön platzen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stephan Hebel

Kommentare

Küken sind zwar süß, aber nicht jedermanns Sache.
Küken sind zwar süß, aber nicht jedermanns Sache. © Imago

Ein gastronomischer Geheimtipp in B.: Nichts wie hin, aber vorher noch ein Blick ins Internet.

Der Kollege M., der mal in der schönen Stadt B. gelebt hat, ist für einen Ratschlag immer gut. Ein „noch wenig touristisches Café mit schönem, ruhigen Hinterhof“ hatte er empfohlen, zurückhaltend, wie es seine Art ist. Aber der kluge Reisende glaubt selbst dem Kollegen M. nicht alles und fragt lieber zusätzlich bei Google nach.

Was soll man sagen: Der Kollege M. hatte untertrieben. Zum Glück war Google so freundlich, die Kommentare früherer Besucher zu übersetzen, so dass sich die wahren Qualitäten der gastronomischen Einrichtung erst richtig erschlossen.

Zunächst sind sich die Nutzerinnen und Nutzer nicht immer ganz einig. „Normalerweise platzen und es ist ziemlich laut“, meint der eine, während die andere kritisch anmerkt: „In der Regel voll und schwer zu fangen Tisch.“ Ein Dritter wiederum klagt dann doch: „Hänge das Poster voll, pass nicht auf!“, allerdings hing das Schild „voll“ am fraglichen Tag keineswegs vor dem Eingang, und entsprechend passten die Reisenden auf.

Hat man die Terrasse erreicht, kann man den begeisterten Bewertungen nur beipflichten: „Eine Überraschung in den hinteren Straßen der Geburt“ – fast noch untertrieben! „Terrasse ideal ganze Leben zu nehmen“ – wer kommt da nicht ins Träumen? Und wer möchte nicht wieder jung sein bei der absolut zutreffenden Einschätzung: „Sehr guter Ort, um bei den Schulklassenmeetings die Beherrschung zu verlieren“? Andererseits: Geht das nicht an fast jedem Ort?

Aber verschweigen wir nicht die Schattenseiten: „Bezaubernder Ort, wo Sie Küken, Abhören usw. genießen können“, das ist nicht jedermanns Sache. Und die Bedienung? „Der Service fehlt ein Kochen.“ Andererseits: „Ein gemütlicher Ort mit viel Freundlichkeit für das Personal“, immerhin. Es herrscht hier übrigens Selbstbedienung, wenn Sie es genau wissen wollen.

Nun werden Sie verstehen, dass die Produkte der künstlichen Intelligenz eine gewisse Lust auf Recherche auslösten, und so viel sei verraten: Julie und Charlotte hatten offensichtlich nicht die Absicht, von den „hinteren Straßen der Geburt“ zu erzählen. Sie lokalisierten das Café vielmehr in den Gassen des „Born“, und so heißt nun mal ein Viertel der schönen Stadt.

Dass Google das Born als „Geburt“ übersetzte, löste eine seltsame Befriedigung aus, das Verhältnis zwischen künstlicher und menschlicher Intelligenz betreffend. Und wie eine weitere Bestätigung tauchte prompt noch eine Bewertung auf: „Es ist ein großartiger Ort, nicht nur für die Aktivitäten, die alternative Kultur zu fördern, sondern auch die Leertaste.“ B itte sehr.

Auch interessant

Kommentare