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Schnee

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Von: Lisa Berins

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Kalter Hund
Kalter Hund © Bernd Friedel/Imago

Vor 20 Jahren gab es „schwarze“ und „weiße“ Gläser. Und man tanzte zu Nenas „99 Luftballons“. In Australien.

Roter Staub wirbelte hinter uns auf, als wir am Abend durchs Outback fuhren. Marilyn saß am Steuer, ich sollte ihr die zweite Dose „Bundy“ reichen: Bundeberg-Rum mit Cola, ihr Lieblingsgetränk. Es lagerte auf Eis in einer Box zu meinen Füßen, für den Durst auf dem Nachhauseweg. Marilyn wollte mir ihre Familie vorstellen, die wie viele Aborigenes in einer kleinen Wohnwagensiedlung irgendwo „da draußen“ wohnte.

Ich hatte Marilyn im Hotel einer westaustralischen Goldgräberstadt kennengelernt. Eine Handvoll bröckelnder Kolonialstilhäuser säumte eine sandige Straße, die aus dem Nichts kam und ins Nichts führte. Ich jobbte dort als Barkeeperin. Marilyn arbeitete als eine von drei Krankenschwestern, die im Ort die medizinische Grundversorgung übernahmen.

Nach Feierabend kam sie hin und wieder auf ein Getränk im Hotel vorbei, setzte sich stumm an die Theke und beobachtete das Geschehen. Zu den Stammgästen gehörten: ein Goldgräberpärchen, das täglich mit Sonden loszog. Wechselnde „Driller“, die Bodenproben für große Firmen nahmen. Der Dorfpolizist, der, um mir seine Knarre zu präsentieren, auf Land-Art schoss. Eine Gruppe Aborigines, die am liebsten zu Nenas „99 Red Balloons“ tanzte. Ein entfernter Verwandter Graf von Stauffenbergs, der einen einzigen Satz auf Deutsch sagen konnte: „Gute Nacht, Liebling“. Den Geist, der angeblich nachts Klavier spielte und den Kerl, der mit Haftbefehl gesucht wurde – das Schreiben hatte ich unter meinem Bett gefunden – bekam ich nicht zu Gesicht.

Zum rauen Ton im Hotel gehörte der Rassismus. „Diese Gläser hier gibst du an die Aborigenes aus“, hatte mein Chef gesagt und dabei resigniert mit den Schultern gezuckt. Ich vertauschte die „weißen“ und „schwarzen“ Gläser beim Servieren grundsätzlich. Bis sich jemand – ein Driller oder eine andere skurrile Person aus dem Setting – beschwerte. Marilyn war die Gläsersache egal, sie hatte auch nichts dagegen, ihren Bundy direkt aus der Dose zu trinken.

Das war vor knapp 20 Jahren. Geändert hat sich am Rassismus in Australien bis heute nichts, sagte mir der australische Künstler Richard Bell, der auf der Documenta seine „Tent Embassy“ aufgebaut hat und seit Jahrzehnten für die Rechte der Aborigenes kämpft. Glauben will ich das nicht. Gerne würde ich Marilyn dazu fragen, aber unser Kontakt ist längst abgebrochen. Ich erinnere mich daran, wie ich sie einmal fragte, ob sie nicht mal nach Deutschland kommen wolle. „Europa?“, hat Marilyn gesagt. „Da gibt es doch Terrorismus. Und Schnee.“ Sie hatte Angst vor beidem.

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