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Schnaps

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Von: Lisa Berins

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Hätte die milliardenschwere Kunstsammlerin Julia Stoschek womöglich Interesse daran, die Documenta zu kaufen?
Hätte die milliardenschwere Kunstsammlerin Julia Stoschek womöglich Interesse daran, die Documenta zu kaufen? © Andreas Wengel / Imago

Ach, man kann die „documenta günstig kaufen“? Interessantes Angebot!

Letztens mal wieder gegoogelt: „Documenta“. Schauen, was es Neues gibt. Erster Treffer, sponsored by Amazon: „documenta günstig kaufen“. Echt jetzt? So weit ist’s gekommen?

Mal sehen, was das Portemonnaie hergibt - die paar Euros, die man jetzt bräuchte, die könnte man vielleicht gerade noch zusammenkratzen. Wie viel so eine Weltkunstausstellung mit ausgewachsenem Antisemitismus-Skandal wohl kostet? Viel kann’s wirklich nicht mehr sein, eher so ein Schnäppchenbetrag. Ramschwarenpreis sozusagen. Oder wie wäre die korrekte Ausdrucksweise in dieser Sache?

Gut, also, was wäre eine machbare Summe? Erneuter Check im Geldbeutel - den Urlaub abgezogen, die explodierenden Heizkosten vorgemerkt - es bliebe übrig ... hmm. Ein Bild erscheint vor meinem inneren Auge: Ein eisiger Wintertag, der dicke Wollpulli kratzt auf der Haut, das Bibbern schüttelt die Knochen, eine Tasse heißen Tees dampft in den steifgefrorenen Händen. Es ist arschkalt. Aber: Ich bin glücklich. Denn ich bin die neue Documenta-Besitzerin. Moment: Fehler im Bild, was für ein Unsinn. Warum sollte ich glücklich sein, wenn ich mir gerade einen Fluch ans Bein gebunden habe?

Erneutes Starren auf die Amazon-Anzeige. Wie soll diese Documenta überhaupt im Internet verkauft werden? ... Bestimmt hat jemand einen Non-Fungible Token, ein NFT, draus gemacht. Geht das nicht irgendwie? Der Mauszeiger bewegt sich wie von selbst in Richtung des Links, das nennt man wohl Clickbaiting. Wer sonst schon alles auf dieses erstaunliche Angebot neugierig gewesen sein könnte?

Vielleicht die milliardenschwere Kunstsammlerin Julia Stoschek. Oder Elon Musk. Ja, der Musk bestimmt. Jetzt wo das mit Twitter nix geworden ist, braucht er sicher wieder ein neues Projekt. Eines, das er aus den tiefsten Tiefen der Versenkung herausfischen und moralisch wie technisch für die Zukunft aufrüsten kann.

Klick. Ein neuer Tab springt auf. Und dann: Och! Hätte man sich ja denken können. Natürlich wird hier keine Kunstausstellung verkauft. Die würde der Kasseler Oberbürgermeister ohnehin niemals rausrücken. Stattdessen: Ausstellungskataloge, Kinder-Documenta-Buch, so ein Zeug. Aber Stopp, da ist doch noch was anderes.

Zwei Flaschen mit schönem, farbigem Etikett im documenta-fifteen-Design. „Documenta Bio Hopfen Gin, 43%, 500 ml 35,36 Euro“. Und: „Documenta Bio Wodka Maracuja“, etwas günstiger. Vielleicht auch eine gute Investition? Das Bild vom Tee in den gefrorenen Händen erscheint wieder in meiner Vorstellung. Mit einem Schuss dieser Kunst-Kapitalanlage würde er vermutlich noch etwas effektiver gegen die Folgen steigender Energiekosten helfen. Klick. Gekauft.

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