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Einkuscheln und schmökern.

Times mager

Schmöker

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Und wie geht es den Frühjahrsschmökern? Schwer zu sagen, wenn wir noch nicht einmal die Winterschmöker im Griff haben.

Während die „idealen Winter-Schmöker“ keineswegs unter Kontrolle sind und der „richtig schöne Sofaschmöker“ nicht zu seinem Recht kam (dem uneinklagbaren Recht des Buches, gelesen zu werden), steht schon die Frage im Raum: „Ist Ihre Liste an Frühjahrsschmökern bereits komplett?“

Hier hat man es mit dem ewigen Kreislauf der werdenden und vergehenden Kunstwerke zu tun, eines anrührenden, kolossalen und unfairen Kreislaufes. Anrührend, weil es ein solcher Kraftakt ist, ein Buch zu schreiben, kolossal, weil sich so viele Menschen dazu aufraffen, und unfair, weil es so einfach ist, ein Buch nicht zu lesen. Man liest es eben nicht. Anders als bei einem Bild stellt die Nichtkenntnisnahme bei einem Buch kein Problem dar. Anders als selbst bei einem Theaterstück, in das man versehentlich hineingelangt ist und nun haben sich die Saaltüren bereits geschlossen (vielleicht imposante Saaltüren wie die des Frankfurter Schauspielhauses am Willy-Brandt-Platz, schluchz).

Kurzum: Damit die Prophezeiung „Sie werden nicht mehr aufhören können zu lesen“ eintrifft, muss die lesende Person schon in eine gewisse Vorleistung getreten sein. Der Slogan „Es liest sich wie von selbst“ trifft trotz des relativierenden Vergleichspartikels lediglich auf ein einzelnes Micky-Maus-Bildelement mit ungefähr bis zu zwei Sprechblasen zu.

Vor allem aber ist man hier mit einem Wort – „Schmöker“ – konfrontiert, das die lesende Welt in zwei Hälften teilt, und wer zu denen gehört, für die das Wort nichts Gutes verheißt (um es zurückhaltend zu sagen), kann sich gegen den entsprechenden Snobismusvorwurf immerhin damit wehren, dass er eine arme kleine Minderheit vertritt. Im Zuge ausschweifender Olga-Tokarczuk-Lektüren wurde drei Mal im öffentlichen (S-Bahn, zwei Mal) und halböffentlichen (Friseur, ein Mal) Raum die Frage gestellt, ob das ein schöner Schmöker sei. Dies hängt mit der Umschlaggestaltung zusammen, für die sich Kampa bei seinen Tokarczuk-Bänden entschieden hat. Mysteriös, um nicht zu sagen wie ein Mystery-Thriller, so auch die Vermutung der Friseurin, die Mystery-Thriller bevorzugt.

Nun wissen wir aber nicht, was passiert, wenn sich Leserinnen und Leser im Winter oder später beim Abarbeiten der Frühlingsliste aufs Sofa kuscheln und auf einen Schmöker freuen und dann die ersten Seiten der „Jakobsbücher“ oder von „Unrast“ („Eine Frau und ihr kleiner Sohn verschwinden auf mysteriöse Weise während des Urlaubs …“) lesen. Vielleicht geht es total gut aus.

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