Schon Albert Desnous brachte es in drei Wörtern auf den Punkt.
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Albert Desnous brachte es in drei Wörtern auf den Punkt.

Times mager

Schlaf

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Die einen sind ausgeschlafen, obwohl sie nicht ausgeschlafen haben. Die anderen warten vergeblich auf die senile Bettflucht.

Der Schlaf sei der kleine Bruder des Todes, diese Worte von Arthur Schopenhauer haben längst Flügel bekommen und schweben durch alle Gespräche zum Thema. Aber wir wollen das mal nicht allzu wörtlich nehmen, sonst kommen wir doch nur wieder vom Hundertsten ins Tausendste und aus dem Fragen nicht mehr hinaus.

Zum Beispiel: Wenn der Schlaf der kleine Bruder des Todes ist, handelt es sich dann beim Einschlafen um die kleine Schwester des Sterbens (was ja immerhin dem Letzteren manchen Schrecken nähme)? Und wie sieht es dann mit dem Ausschlafen aus? Ist es etwa mit dem Aussterben verwandt?

Natürlich nicht, das Aussterben geht nicht individuell, nur kollektiv, auch wenn sich ohne weiteres sagen lässt, dass wir, jetzt mal so als Menschheit insgesamt gesehen, gerade alles verschlafen, was uns vor dem Aussterben schützen könnte. Aber ausschlafen heißt noch lange nicht verschlafen, auch wenn die penetrant Frühaufstehenden den Langschlafenden ständig einzureden versuchen, sie verschliefen ja den halben Tag.

Großer Irrtum! Es sei daran erinnert, dass es sich beim Schlafen nicht nur um eine angenehme, sondern auch um eine höchst produktive Tätigkeit handelt. Es heißt ja nicht umsonst, wenn jemand etwas besonders Schlaues tut: „ein ausgeschlafener Mensch“ (auch wenn die Frühaufstehenden sich nicht entblöden würden, mutwillig paradox zu antworten: „Um so ausgeschlafen zu sein, musst du aber früher aufstehen“ oder so ähnlich).

Die volle Wahrheit brachte der französische Schriftsteller Albert Desnous in drei Wörtern auf den Punkt: „Der Dichter arbeitet“ stand auf einem Schild, das er an die Tür hängte, wenn er schlafen ging. Was haben Sie denn gedacht, wie ein Times mager entsteht? Bei der Arbeit, oder was?

Damit wir uns nicht missverstehen: Mit Ausschlafen sind hier nicht die lächerlichen acht Stunden gemeint, die uns ständig als natürliches Maß aller Dinge um die Ohren gehauen werden, obwohl sie doch in Wahrheit nichts anderes sind als die Formung menschlichen Lebens nach dem Maschinentakt der industriellen Epoche. Wer seit Jahren erfolglos auf die eigene (prä-)senile Bettflucht wartet, und zwar nicht selten im Schlaf, kann ein Lied davon singen, dass auch neun oder zehn Stündchen dem menschlichen Maß entsprechen können.

Vielleicht ist es ja so, dass die Langruhenden gerade die industrielle Epoche verschlafen haben und in der Postmoderne wieder aufgewacht sind. Bald wird das Mantra vom Achtstundentakt verschwunden, der Mensch ein individuell schlafender sein. Ist das die große Freiheit? Nun ja, das Handy auf dem Nachttisch spricht eine andere Sprache.

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