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Schiefer

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Von: Stephan Hebel

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Im Winter wird der Schornstein in vielen Haushalten in Deutschland wieder zum Einsatz kommen.
Im Winter wird der Schornstein in vielen Haushalten in Deutschland wieder zum Einsatz kommen. © Franz Peter Tschauner/dpa

Von einer Handarbeit, die ein bisschen schön ist.

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an Ihrem Schreibtisch und haben etwas Sinnvolles zu tun. Nur eine Vorstellung, wie gesagt, der Sinn ist im Moment gar nicht so wichtig. Und dann: Es klopft. Nicht an Ihrer Tür, Sie haben schließlich eine Klingel und wir sind hier nicht beim „Tatort“. Es klopft draußen, am Nachbarhaus, beziehungsweise: auf dem Nachbarhaus. Es klopft Hunderte, vielleicht Tausende Male an diesem Tag, und jetzt werden Sie sagen: Das nervt.

Das stimmt! Jedenfalls solange Sie versuchen (oder gar gezwungen sind), Ihre mehr oder weniger sinnvolle Schreibtisch-Tätigkeit fortzusetzen. Wenn nicht, wird es schön, ein bisschen wenigstens.

Auf der Gaube des Nachbarhauses sitzt ein Mann und verkleidet einen alten Kamin, in dem nur noch ein Rohr steckt, sieht nach Gasheizung aus. Das ist ein sehr friedliches Bild, man merkt der Haltung des Mannes die entspannte Konzentration an, mit der er arbeitet. Er nimmt eine rechteckige Schieferplatte, legt sie auf eine Unterlage und klopft, während er die Schieferplatte unter seinen Hammerschlägen langsam bewegt, als wollte er sie um einen imaginären Mittelpunkt kreisen lassen. Virtuos rundet er so eine Ecke der Schieferplatte ab, dann nagelt er sie an den Kamin. Dann nächste Platte, Stunde um Stunde.

Das Ding, das der Mann in der Hand hat, nennt sich Schieferhammer. Das ist ein schiefer Hammer, jedenfalls was den spitzen Teil betrifft, und wenn nicht Sie oder ich, sondern der Mann auf dem Dach ihn benutzt, dann wird gerader Schiefer rund, statt in tausend Teile zu zersplittern.

Jetzt, da Sie das Bild zu dem Geräusch vor Augen haben, stört das Klopfen nicht mehr. Ja, Ihre Ohren nehmen es bald kaum noch wahr, denn das wunderbare Schauspiel des ruhig schaffenden Meisterwerkers füllt Ihre ganze Wahrnehmung aus. Das ist wirklich schön, aber warum nur ein bisschen?

Weil sich der Gedanke an Ihren Schreibtisch und die immer sinnloser erscheinende Tätigkeit dort aufdringlich vor das Bild eines wie von Natur wachsenden Werkstücks schiebt. Weil das Gasrohr im Schornstein in Ihren Ohren Begriffe wie Krieg, Klimakrise, Inflation explodieren lässt. Weil Sie sich plötzlich an etwas erinnern, das Sie nur aus Geschichtsbüchern kannten: dass irgendein Teufelsding genügen würde, um das schöne, frisch gedeckte Dach zu zerstückeln und das ganze Haus sinnlos in Brand zu setzen.

Sie wissen nicht, was der Mann mit dem Schieferhammer denkt. Aber es wirkt, als hätte er den Wahnsinn der Welt mit ein paar sanften Schlägen für eine Minute aufgehalten. Das ist schön, ein bisschen wenigstens. Er soll weiterklopfen, unverdrossen.

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