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Schatten

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Von: Lisa Berins

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Mitten in der Wüste von Katar: Ólafur Elíassons Kunstwerk „Shadows travelling on the sea of the day“.
Mitten in der Wüste von Katar: Ólafur Elíassons Kunstwerk „Shadows travelling on the sea of the day“. © afp

Ólafur Elíassons Kunstwerk in der Wüste nahe Doha ist eine wunderbare Installation. Nur steht sie halt in Katar...

Etwa anderthalb Autofahrstunden von Doha entfernt, mitten in der Wüste: Dort steht seit einigen Wochen Ólafur Elíassons Kunstwerk „Shadows travelling on the sea of the day“. Riesige Stahlringe und Spiegel, die Menschen und Umgebung optisch auf den Kopf stellen – es muss eine eindrucksvolle Installation sein; ästhetische Fremdlinge inmitten einer unwirtlichen Landschaft, im Nichts.

Und die „Doha Mountains“ des Schweizer Künstlers Ugo Rondinone: grün-rot-blau-schwarz-gelbe Felsen, die zu meterhohen Stelen in der Nähe des Stadiums 974 aufgetürmt sind – sie seien inspiriert von den olympischen Ringen, die „Katars Engagement für die olympischen Werte Exzellenz, Freundschaft und Respekt widerspiegeln“, wie es offiziell heißt.

Natürlich kann man sich fragen, wie das mit der Bestrafung von Homosexualität zusammengeht, den Menschenrechtsverletzungen im Wüstenstaat und der fragwürdigen Haltung zur Meinungsfreiheit. Und natürlich kann man feststellen: Sport ist eben nicht die einzige Branche, in der mit viel Geld viel Image erkauft werden kann. Auch die Kunst ist wie gemacht für solche Prestige-Deals: ein glänzendes Symbol für vermeintliche Weltoffenheit – ein glamouröses Ablenkungsmanöver für politische Doppelmoral. „Artwashing“ sagen die einen. „Soft Power“-Strategie nennen es andere.

Über mindestens eine Milliarde Dollar Ankaufsetat für Kunst soll die Schwester des Emirs verfügen. Jährlich. In den nächsten Jahren werden in Katar zwei Museen der Superlative gebaut. Dass Kuratorinnen und Kuratoren, die Kunst für Katar aussuchen und Ausstellungen organisieren, „Guidelines“ (natürlich keine „Zensur“!) einhalten, die Nacktheit und bestimmte religiöse Symbole verbieten – tja: Das ist wohl Hausrecht? Wer die Musik bestellt, der bestimmt, was sie spielt – und solange die westliche Kunstelite profitiert, ist’s ja okay, oder? Beim Aufbau von Ólafur Elíassons Installation seien Menschenrechte eingehalten worden, und Kunst biete ja gerade die Möglichkeit für Dialog und Begegnungen, findet der Künstler … Wie haben seine Kolleginnen und Kollegen noch gleich zur Menschenrechtslage in Katar Stellung genommen?

Mehr als 100 „Public Artworks“ können jedenfalls noch während der WM in Doha und in abgelegeneren Teilen Katars angeschaut werden – von international renommierten Künstlerinnen und Künstlern wie Urs Fischer, Katharina Fritsch, Jeff Koons, Isa Genzken, Richard Serra und anderen. 40 Arbeiten sind extra für die WM gekauft worden. Ja, es ist ein zwielichtiges Riesenkunstevent. In einem poetischen Moment könnte es vielleicht getauft werden „Schatten, die auf dem Kapital der Kunstwelt reisen“.

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