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Schatten

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Von: Stephan Hebel

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Bild aus dem ukrainischen Kramatorsk: Wir müssen aufpassen, dass uns die Schatten nicht das Licht nehmen – und die Hoffnung!
Bild aus dem ukrainischen Kramatorsk: Wir müssen aufpassen, dass uns die Schatten nicht das Licht nehmen – und die Hoffnung! © David Goldman/dpa

Ist Unbeschwertheit in diesen Tagen einfach nur zynisch? Carlo Levi zu lesen, hilft jedenfalls dabei, die Übersicht zu behalten. Die Kolumne „Times mager“.

Im erhellenden Licht, in der durch Seewinde gemilderten Hitze des Sommers erscheinen die Schatten noch dunkler und kälter als sonst. Nicht die Schatten der geklinkerten Häuser hinter dem Deich, das sind freundliche, zum geschützten Flanieren einladende Schatten. Dunkel und kalt erscheinen die Schatten der realen Welt, die die helle Idylle des Örtchens genauso unwirklich erscheinen lassen, wie umgekehrt das elende Weltgeschehen aus der Perspektive der Idylle ganz und gar unwirklich zu sein scheint, wüsste man es nicht besser.

Es hilft nichts, sagt jemand beim Apéritif in der Hafenkneipe, den Blick auf die Weite des feinblauen Himmels gerichtet, es hilft nichts, wir müssen das Glück der unbeschwerten Momente genießen, sonst nehmen uns die Schatten die Kraft und treiben uns in eine ungute Resignation. Dann erst wären wir verloren für den Kampf gegen das Elend der Kriege und Krisen.

Es wird ein schöner Abend, ein Moment der Unbeschwertheit. Eine Unbeschwertheit, die zu genießen schon fast zynisch erscheinen muss angesichts der realen Welt, und doch eine Insel des Hellen, die es etwas leichter machen wird, sich bald wieder dem Dunklen zu stellen, widerständig, wenn es irgendwie geht.

A uf die Idee, am Ende dieses Tages Carlo Levi zu lesen, muss man erst einmal kommen. „Christus kam nur bis Eboli“, bisher sträflicherweise ungelesen, ist als Geschenk eines lieben Freundes ins Urlaubsgepäck geraten. Es erweist sich als genial gestaltetes Gegenmittel gegen jede Gefahr, das Dunkle zu vergessen. Ein erhellender Blick ins Dunkle, wie es Levi, von den Faschisten in den armen Süden Italiens verbannt, während der 1930er erlebte.

L evi teilt nicht die Armut der Bauern, nicht ihre Hoffnungslosigkeit. Er, der Arzt und Künstler, ist privilegiert. Er erlebt, mitten im Dunkel der Armut, auch Augenblicke tiefen Glücks. Umso hellsichtiger beschreibt er das Leben einer Gesellschaft, die von der „zivilisierten“ Welt wie Müll der Geschichte weggeworfen wurde. „Die Geschichte“, schreibt er über einen Kriegsversehrten aus dem 19. Jahrhundert, „hatte ihm ein Bein genommen, und er wusste noch nicht einmal, worum es dabei ging“. Meisterhaft wird es beschrieben, das Leben im tiefen, kalten Schatten. Gerade weil Levi auch das Licht nicht fremd war, erschloss sich ihm der Kontrast zu den Momenten des eigenen Glücks.

A m Morgen scheint an der See wieder die Sonne, der Wind kühlt. Hell wirkt die Welt, vom Deich aus gesehen, und wir genießen es, wohl wissend um das Elend hinter dem Horizont.

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