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Wenn der Emmentaler beim Reifen beschallt wird, könnte man freilich auch von Folter sprechen. Käse-Folter.

Times mager

Schall & Käse

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Emmentaler wird auch schon mal musikalischen Behandlungen unterzogen. Eigentlich ein Fall für den Lebensmittelschutzverein.

Ibin e Ämmitaler, u desse bini stolz / Es wachst i üsne Chräche viel saftigs Pfyffeholz /viel saftigs Pfyffeholz, u mänge chäche Bueb.“ (Emmentaler Volkslied vom „Trueberbueb“)

Keineswegs bloß saftiges Pfeifenholz (aber wer raucht heute noch Pfeife? Die Suchwörter „Emmental“ und „Pfeife“ jedenfalls führen nur zu „Acht Bürger pfeifen den Gemeinderat zurück“ und „Einige pfeifen auf Leinenpflicht“) und stramme Buben gedeihen im schweizerischen Emmental, sondern auch Käse. Das ist bekannt und beweist jedes Käseregal in jedem Supermarkt. Nicht so bekannt ist, dass der Emmentaler nicht mehr unbedingt nur still gelagert wird, vielmehr auch schon mal unterschiedlichen musikalischen Behandlungen unterzogen, um den Einfluss des „Trueberbueb“-Lieds oder auch von „Jazz (We’ve Got)“ der Hip-Hop-Gruppe A Tribe Called Quest auf den Geschmack des Käses zu prüfen.

Man könnte diesen besonderen Reifeprozess freilich auch Folter nennen, Käse-Folter. Vermutlich also ein Fall für den Lebensmittelschutzverein. Denn ein Schweizer namens Beat Wampfler (nein, kein Namenswitz an dieser Stelle), Tierarzt in Bern, ließ für seinen Versuch acht Käselaibe acht Monate lang (!) 24 Stunden am Tag (!!) mit dem immergleichen (!!!) Song beschallen. Den einen Laib also mit „Dr Trueberbueb“, den anderen mit „Jazz (We’ve Got)“, einen dritten mit Techno oder Klassik, letztere von Mozart natürlich. Nur Käselaib Nummer neun, „Referenzlaib“ genannt, hatte seine Ruhe und mag das jeden neuen Tag Gott gedankt haben.

Die Theorie des Dr. Wampfler: Was Pflanzen beeinflussen kann, das sollte auch bei Mikroorganismen wie Bakterien wirken. Bereits 1970 erschien ja die Platte „Music to Grow Plants“ von George Milstein und seither ist viel passiert. Siehe die Meldung, lanciert vom britischen Tomatenzüchterverband: Rockmusik lässt Tomaten besser wachsen. „Sogar Züchter, die sonst eher den Klassiksender einschalten, geben zu, dass vor allem Schlagzeug und Bässe von Nutzen sind“, soll der Verbandsvorsitzende gesagt haben. (Briten und ihre Erkenntnisse haben, es sei zugegeben, nicht mehr denselben Stellenwert wie noch vor einigen Jahren.)

Beat Wampfler hätte es nicht gut gefunden, wenn Mozart gewonnen hätte. Hat er aber nicht, sagt der Doktor, der eher auf Hip-Hop steht. Bei der sensorischen Analyse soll denn auch herausgekommen sein, dass der „Jazz (We’ve Got)“-Laib „sowohl im Geruch als auch im Geschmack auffällig fruchtig ist und sich so deutlich von den anderen Proben unterscheidet“. Na bitte. Eine Schweizer Zeitung jubelte auch gleich, der beschallte Käse sei nun „in aller Munde“. Das war jedoch nur im übertragenen Sinn gemeint.

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