Das Samstagseis.
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Das Samstagseis.

Times mager

Samstagseis

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Jede Geschichte muss zwar einen Anfang haben, nicht aber ein Ende, wenn es nach der Phantasie geht

Also die Altstadt, das muss man sich so vorstellen. Kaum hat man das aufgeschnappt, horcht man auf, während die 11 anfährt. Nächste Station Römer, bis dahin bleibt Zeit, so dass man Rücken an Rücken hört, was sich der alte Mann vorstellt. Er muss alt genug sein, um bereits ein Urgroßvater zu sein, so dass er noch erlebt hat, um dem Kind, dem Urenkel, zu erzählen, wie die Stadt in Flammen stand, und die Altstadt nach dem Angriff ganz besonders, weil sie aus Holz war, die Stadt, die unterging, eine Fachwerkstadt, in Schutt und Asche gelegt. Vorher aber brannte sie, und sie brannte wie Zunder. Was ist Zunder? Das, sagt der Vater dem Großvater, denn sie sind zu dritt, aber vier Generationen, müsse man dem Kind vielleicht kurz erklären.

Zunder ist, wenn etwas leicht Feuer fängt und das Brennende knackt. Stundenlang war es so, aus der Stadt schlugen Flammen, als hätte man in die Stadtmitte eine Fackel geworfen. Was ist eine Fackel? Die Fackel ist ein Vergleich. Denn es waren Bomben, es waren Brandbomben. Bomben, die brennen? Bomben mit Feuer drin? Die jedenfalls Feuer verstärken. Damit kann das Urenkelkind etwas anfangen, denn was sieht das Kind gelegentlich? Häuser, die brennen.

Natürlich alles im Rahmen, sagt der Vater, man muss den Bilderkonsum dosieren, damit das Kind nicht ununterbrochen Dinge sieht, wie es kracht und nicht nur knackt. Ob sich das Kind vorstellen könne, was der Altstadtbrand für die Stadt bedeutet habe? Der Brand, das offene Feuer, das Nachglühen. Das Verkohlen, noch tagelang. Der Geruch, noch wochenlang, ohne das jetzt vertiefen zu wollen. Man solle nicht alles vertiefen, rät der Vater seinem Großvater in seiner Urgroßvaterrolle. Aber wenn das Kind doch Bilder von brennenden Städten bereits kenne, beharrt der alte Mann. Eben wegen seiner Phantasie, erwidert der Enkel, und der Vater des Kindes versteht das als Einspruch.

Römer, Ausstieg, jetzt aber raus! Gleich gibt’s ein Samstagseis, danach dann den Römerberg, den kennt heute jedes Kind, auch das Urenkelkind kennt die Römerbergostzeile. Denn sonst hätte es nicht diese eine Frage, warum nämlich die Balken so rot sind. Das Fachwerk so rot? Wegen des Altstadtbrandes von Frankfurt?

Da musste, so hört man noch, bevor die Tür der 11 schließt, der Urgroßvater Mitte 80 werden, ohne darüber jemals nachgedacht zu haben. Woran sich, während die 11 ihren Weg fortsetzt, erkennen lässt, dass jede Geschichte, die ja einen Anfang haben muss, nicht zwangsläufig auch ein Ende hat, wenn es nach der Phantasie geht.

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