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Blick ins Goethe-Theater von Bad Lauchstädt.

Times mager

Samiel

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Übel, was einem im Leben entgeht, wenn man nicht Webers Oper „Der Freischütz“ im Goethe-Theater von Bad Lauchstädt anschaut.

Loge 5 ist die beste. Die beiden, die in der ersten Reihe sitzen – mehr passen hier nicht nebeneinander –, können nichts verpassen. Allerdings steht für eine ganze Weile der leibhaftige Samiel zwischen den nun an den jeweiligen Rand sich drängenden Personen. Aus frohgemuten Zuschauern werden arme Sünderlein, die den Kopf einziehen, erstens, um den Schauspieler Harald Höbinger nicht zu stören, der hier eiskalt die verdammte Freikugelgießerei in der Wolfsschlucht mitansieht und gegebenenfalls kommentiert, zweitens: wer weiß.

Übel, was einem im Leben entgeht, wenn man nicht über kurz oder lang Webers Oper „Der Freischütz“ im Goethe-Theater von Bad Lauchstädt anschaut, eine Koproduktion mit den nahen Bühnen Halle von 2012 (aber frisch geblieben), eine Inszenierung von Christian Schuller, deren Triftigkeit und Effet nichts zu wünschen übrig lässt.

Bad Lauchstädt, denken die Leute dann, janz weit draußen. „Dieser kleine Badeort“, sagte sich etwa Richard Wagner, „hatte zur Zeit Goethes und Schillers eine höchst rühmliche Bedeutung gewonnen; das aus Holz errichtete Theater war nach Goethes Plan ausgeführt; dort hatte die erste Aufführung der ,Braut von Messina‘ stattgefunden. Obwohl ich mir dies alles sagte, machte der Ort doch einen sehr bedenklichen Eindruck auf mich.“ Den Theaterdirektor trifft er bereits auf der Straße, „ein ältlicher Mann im Schlafrock und eine Mütze auf dem Kopf“, dessen Benehmen „die süßliche Vornehmheit einer vergangenen Zeit“ zeigt, „während alles, was er tat und was ihn umgab, den unwürdigen Verfall bezeugte“. Der Theaterdiener: „ein zahnloses altes Gerippe“. Wagner, 21, könnte hier einen Sommermonat lang dirigieren, aber schon ist er bedient. Eine halbe Seite später betritt die reizende Schauspielerin Minna Planer die Szene. Wagner bleibt.

Die Berühmtheit dieses Ereignisses, da alle Wagner betreffenden Ereignisse berühmt sind, konnte auf die also bereits 1834 altmodische Kulisse von Lauchstädt wenig abfärben. Zum Schaden nicht nur der holden Kuranlage und des außen gegenwärtig total eingerüsteten, innen aber funktionstüchtigen Sommertheaters, sondern vor allem des Publikums, das nicht beizeiten links abbiegt. Selbst Leipziger erzählen einem: Wollten wir auch immer mal hin, na ja, man kann nicht alles machen. Nein, alles kann man nicht machen, aber nach Bad Lauchstädt kann man schon. Die nächste Gelegenheit ist am 23. Juni und am 6. Juli. Im Anschluss isst man Apfelkuchen im „Café Christiane Vulpius“ und guckt den schwarzen Schwan an. Die Zeit wird einem nicht lang in Bad Lauchstädt.

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