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Zwischen den Menschen werden Salzburger Nockerln aufsehenerregend zu den Kaffeehaustischen getragen.

Times mager

Salzburger Schnürlregen und Salzburger Nockerln

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Salzburg, die Mozartstadt, ist weit mehr als eine Stadt der Musik, schon von Natur aus. Die Kolumne „Times mager“.

Der Salzburger Schnürlregen gehört wie die Salzburger Nockerln zu den Besonderheiten der Festspielstadt, in der sich in diesen Tagen nicht lediglich die Festspielbesucher, sondern alle zur Verfügung stehenden Menschen aufhalten, einander den Platz im Tomaselli und die Eintrittskarten wegnehmen, aber auch den Eindruck vermitteln, an dem Ort zu sein, an dem wirklich etwas los ist. Sonst wären die anderen nicht auch alle da.

Zwischen den Menschen werden Salzburger Nockerln aufsehenerregend zu den Kaffeehaustischen getragen. Zwischen den Menschen fällt außerdem Schnürlregen hindurch. Er macht keinen Unterschied zwischen Nockerlbestellern, Nockerlträgern, Nockerlbeobachtern, sondern alle zu ein wenig feuchten Leuten. Denn während die Salzburger Nockerln eine aufgetuffte Süßspeise auf Eier- und Zuckerbasis sind, die die Hausberge der Stadt empfindsam, aber auch pompös imitieren sollen, ist der Schnürlregen ein dezentes und natürliches Phänomen. Und er fällt nicht nur schlicht zwischen den Menschen in Salzburg hindurch, er fällt auch trotzdem auf in einer Weltgegend, die ansonsten nicht einmal mehr einen schnöden Landregen kennt, sondern nur mehr Trockenheit oder Flut.

Die Gegend ist gesegnet, mit Regen allgemein

Hören wir an dieser Stelle in die einschlägige Nummer aus dem „Weißen Rössl“ hinein: „Wenn es hier mal richtig regnet, ja dann regnet es sich ein / Denn die Gegend ist gesegnet, mit Regen allgemein / Wenn die ersten Tropfen fallen, fallen die andern Tropfen auch / Und man hört sie förmlich knallen, auf den Kopf und auf den Bauch.“ Nur die letzte Zeile ist übertrieben. Der Witz am Schnürlregen ist seine sprühende Art und seine Ausdauer, nicht die Vehemenz des Einzeltropfens. Salzburg und das Salzkammergut sind hierfür berüchtigt. Der Triumph, mit dem die weltgewandte Großmutter einst von Aufenthalten berichtete, die dauerhaft von Schnürlregen überzogen und ruiniert wurden, gab vor Jahrzehnten einen Eindruck davon, dass Erwachsene auch aus einer Pleite eine interessante Urlaubsgeschichte machen können. Immerhin hatte man etwas erlebt, den Original Salzburger Schnürlregen, wohingegen die anderen bloß in der sonnigen Lübecker Bucht hin- und hergeschwommen waren.

Seither hat sich einiges verändert. Apart, so ein Tropfen auf der Haut. Die Menschen brauchen eine Weile, bis sie die Schirme aufspannen – und überhaupt: welche Schirme (abgesehen von den Sonnenschirmen der Japanerinnen)? Man betrachtet einen Sommerregen ohne Feuerwehreinsatz in diesen Tagen so begeistert wie Schnee an einem Frankfurter Dezemberabend. Ohnehin ist selbst der Salzburger Schnürlregen heute nach ein paar Stunden passé.

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