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Salzburg

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Von: Judith von Sternburg

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Lars Eidinger – bekleidet.
Lars Eidinger – bekleidet. © Gerald Matzka/dpa

Vom lässigen Lars Eidinger – in kurzen Hosen – und diversen Leidenschaften.

Die nächste Premiere („Ingolstadt“) ist wegen Corona verschoben, erst rauft man sich die Haare, dann kauft man die vorletzten Karten für Wolfgang Rihms „Jakob Lenz“ konzertant im Mozarteum. Denn außer dem Jedermann steht bei den Salzburger Festspielen keiner nackt da, und der Jedermann kann es sich leisten und man selbst kann es sich vermutlich auch leisten. So schockierend die Spitzenpreise, so fair der Eintritt an anderer Stelle. 25 Euro, um Georg Nigl als Jakob Lenz zu erleben, fast geschenkt.

Der Jedermann wiederum kann es sich leisten, nackt zu sein, weil Lars Eidinger schön anzusehen ist, na ja, schön ist vielleicht nicht das richtige Wort, jedenfalls ist man interessiert, obwohl man durch Eidinger als Richard III. im Grunde schon alles weiß. Und beim Zurückblättern zeigt sich auch, dass Eidinger seltener nackt auf der Bühne zu sehen ist, als viele glauben, weil es dann immer gleich hundertmal in der Zeitung steht. Pardon, jetzt ja auch schon wieder. Aber selbst wenn man den „Jedermann“ nicht leiden kann, lebt man halt gerne in einer Welt, in der Eidinger jedenfalls mehr oder weniger nackt ist, Verena Altenberger als Buhlschaft hingegen angezogen.

Lars Eidinger kann es sich dann auch leisten, bei der Eröffnungspremiere in der Felsenreitschule kurze Hosen zu tragen, während die anderen Herrschaften in ihren Sommersmokinghosen etwas antiquiert aussehen. Eidinger sieht ebenfalls antiquiert aus (so wird er bei näherer Hinsicht auch oft besetzt), aber er geht modern damit um. Und ist so geduldig mit der älteren Dame, die ein Selfie mit ihm machen will, dass er unser Herz endgültig gewinnt. Nicht dass das für ihn eine Rolle spielen müsste, fliegen ihm die Herzen hier doch in Schwärmen zu. Als Jedermann in Salzburg zu privatisieren, ist vermutlich fast das Beste, was das Leben einem Schauspieler zu bieten hat.

Leidenschaft aber auch im Mozarteum. Die typische Salzburger Festspielsitznachbarin weiß alles über die Akustik des Saals und über den „Jakob Lenz“, den sie eh liebt. Ferner weiß sie, welcher Politiker da ist und dass er in Wien mit der U-Bahn fährt und die Salzburger Polizei wieder maßlos übertreibt. In Innerösterreichisches mischen wir uns nicht ein, hören aber Georg Nigl wieder erschüttert zu, Nigl, dem Lenz der Lenze, konzertant noch intensiver. Verrückt natürlich, dass ausgerechnet an einem Festspielort alle szenischen Mühen ad absurdum geführt werden.

Und Wolfgang Rihm, heiter lächelnd im Parkett? Als soeben 70-Jähriger seine eigene Oper so perfekt zu hören (nach langer Krebserkrankung vom Rollstuhl aus), hinterher die Ovationen, die Fans, ist vermutlich fast das Beste, was das Leben einem zeitgenössischen Komponisten zu bieten hat.

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