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E-Mail-Schreiber sollten sich auf fünf Sätze pro Mail beschränken.

Times mager

5 Sätze

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Die Ungeduldigen sowieso, aber auch andere Menschen lesen gelegentlich Mails nicht vollständig

Es ist verblüffend, wie viele akademisch ausgebildete, gut sortierte, zuverlässige Zeitgenossen eine E-Mail, wohlgemerkt eine berufliche E-Mail, nicht zu Ende lesen und stattdessen nur auf einige am Anfang der Nachricht genannte Fragen, Bitten oder Informationen eingehen, wenn sie die Mail also entweder unvollständig beantworten oder zwar einen Teil der Bitten und Informationen beachten, den anderen Teil aber geflissentlich ignorieren und sogleich, denn es sind zumeist fleißige Leute, engagiert etwas unternehmen, was diesem anderen Teil unter Umständen völlig entgegensteht.

Ein Standardsatz in der mündlichen Bürokommunikation – ja, es gibt sie noch, obwohl (halb gelesene) elektronische Textnachrichten auf diversen, teils coolen, teils unzulänglichen Kanälen von Zimmer zu Zimmer, Tisch zu Tisch fliegen – lautet darum auch: „Das steht doch in meiner E-Mail“, wobei interessanterweise meistens nicht die Person, die sie nicht zu Ende gelesen hat, als Tropf dasteht, sondern die Person, die sie geschrieben hat, aber vielleicht gilt Letzteres auch nur in Berufen, in denen vom Arbeitnehmer erwartet wird, dass er sich im schriftlichen Verkehr überdurchschnittlich gut schlägt.

Nicht einfach nur Rüpel

Nein, letzteres gilt nicht nur in Berufen, in denen vom Arbeitnehmer erwartet wird, dass er sich im schriftlichen Verkehr überdurchschnittlich gut schlägt, vielleicht ist es sogar umgekehrt, dass in diesen Berufen der Widerstand gegen einen Trend aus den USA besonders stark ist, der halbgelesenen E-Mails entgegenwirken möchte, indem sich E-Mail-Schreiber freiwillig dazu verpflichten, sich in ihren Mails auf 5 (fünf) Sätze zu beschränken, und sich auf dieses Bekenntnis auch in ihrer Signatur quasi selbstkontrollierend festlegen und zugleich klarstellen, dass sie nicht einfach nur Rüpel sind (wobei sich sogar zeigt, dass es diese Signatur, five.sentenc.es, auch in den krasseren Varianten four-, three- und two.sentenc.es gibt).

Man sieht jedenfalls, dass die deutsche Grammatik, und für die englische gilt das, anders als gerne behauptet, ebenso, außerordentlich lange Sätze zulässt – zumindest, wenn man sich etwas Mühe gibt und nicht überall einen Punkt macht –, so dass die 5-Satz-Regelung jenen, die viel zu sagen haben, doch einigen Spielraum lässt. Allerdings empfiehlt (verlangt!) die 5-Satz-Regelung auch, alle Füllwörter, Floskeln, Zusatzinformationen wegzulassen.

Und schon fliegt alles auseinander – eben waren es doch gerade noch fünf – und tut sich zwischen der 5-Satz-Politik und dem Times mager eine unüberbrückbare Lücke auf. Ei verbibscht!

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