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Sackgasse

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Von: Thomas Stillbauer

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Veröffentlichten vor 50 Jahren ihre Single "Dead End Street": The Kinks
Veröffentlichten vor 50 Jahren ihre Single "Dead End Street": The Kinks © imago

Heute: Eine wolkenverhangene, sackgassige, novemberdüstere Zustandsbeschreibung. Wir verdanken sie den Kinks.

Good morning. Heute vor 50 Jahren erschien die Single „Dead End Street“ der britischen Band The Kinks. Das ist zunächst einmal gar nicht so schlimm, wie es sich anhört, und soll auch keine weitere Folge unserer lockeren Reihe „Tote Popstars und warum sie überhaupt nicht tot sind“ werden. Dead End Street bedeutet einfach nur: Sackgasse.

Das ist allerdings doch wieder ein bisschen schlimm, denn im weiteren Verlauf des Songs erweist sich dieser als dem Monat entsprechende, wolkenverhangene, sackgassige, novemberdüstere Zustandsbeschreibung. Wofür leben wir eigentlich?, fragen die Kinks und könnten es ebenso gut heute, überall und jeden fragen. Zweizimmerwohnung im zweiten Stock? Küchenspüle leckt, Riss in der Decke, kein Job, kein Geld und so weiter? Geldeintreiber klopft an die Tür?

Der Videoclip dazu reißt es stimmungsmäßig auch nicht raus. Obwohl, am Ende schon. Es ist eines dieser Musikvideos, die heute generell als „eines der ersten Musikvideos“ bezeichnet werden. Dass es in Schwarzweiß gedreht wurde, passt sowohl inhaltlich als auch kulturhistorisch. Die vier Kinks spielen darin vier Bestatter (und auch so ziemlich alle anderen Charaktere inkl. Frau des Verstorbenen). Höhepunkt ist das Ankleiden des Toten, hier: das Anziehen der Schuhe, offenbar wertvollster Besitz im Haus und von der Witwe bedeutungsschwer getätschelt.

Kaum hat der Dahingeschiedene die Schuhe an und wird aus dem Haus getragen, entspringt er fidel dem Sarg und flüchtet in einer Marx-Brothers-haften Szene durch Londoner Gassen, hauptsächlich die pittoreske alte Little Green Street, die mit dem Video berühmt wurde. Während man sich noch darüber wundert, dass man im England der 1960er Jahre wohl in Nachthemd, Schlafmütze und klobigen Schuhen beerdigt wurde, diffundiert der Verstorbene durch eine Regenrinne – er ist plötzlich weg. Die Kinks stehen mit ihren Zylindern staunend und völlig aus der Puste davor. Das Lied verklingt mit Väter-der-Klamotte-mäßiger Trompete.

Was sagt uns das? Es rät uns, noch öfter als bisher die Musik der Kinks zu hören. Empfehlung der für Beatles- und andere Jubiläen zuständigen FR-Redaktion: das Album „Face To Face“, ebenfalls unlängst 50 Jahre alt geworden. Da ist auch der Hit „Sunny Afternoon“ drauf, der von einer ganz anderen Welt erzählt, vom Gejammer des reichen Snobs, dem das Finanzamt seine Yacht genommen hat. Er faulenzt am sonnigen Nachmittag „in the summertime“. Das Filmchen dazu haben die Kinks im Schnee aufgenommen. Wahrscheinlich eines der ersten Musikvideos.

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