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Wo Rylance, der zudem zehn Jahre lang künstlerischer Leiter des neuen Globe in London war, spielt und wirkt, da wird es lebhaft, originell, eigenständig und auch friedlich.

Times mager

Rylance

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Junge und etwas unerfahrene Menschen hatten vor dreißig Jahren noch nicht so häufig einen Hamlet im schmuddeligen Schlafanzug gesehen und wussten zudem nicht, wer Mark Rylance ist. Die FR-Kolumne „Times mager“.

Mark Rylance hat vor dreißig Jahren Hamlet so gespielt, dass junge und etwas unerfahrene Menschen womöglich zum ersten Mal begriffen, dass der Prinz von Dänemark ein klinischer Fall ist, aber auch ein frecher Hund, selbstständiger Zeitgenosse und attraktiver Schlaks, obwohl Mark Rylance unter anderem einen schmuddeligen Schlafanzug trug. Junge und etwas unerfahrene Menschen hatten vor dreißig Jahren noch nicht so häufig einen Hamlet im schmuddeligen Schlafanzug gesehen und wussten zudem noch nicht, wer Mark Rylance ist. Allerdings sahen sie einen Hamlet, der von ihrem eigenen Alter wenigstens nicht Lichtjahre entfernt war. Ein paar Jahre schon, Mark Rylance sieht bis heute irritierend jung aus. Er ist optisch ein enger Verwandter von Pan Tau und Robin Williams. Auch hat er einen Nebendarsteller-Oscar als Spion Abel in „Bridge of Spies“ gewonnen, in einer latent unangenehmen Rolle, denn Mark Rylance steht eine breite Palette zur Verfügung. Seinem Iago, liest man, gab er vor einem Jahr subtil die Züge eines englischen Brexeteers. Es soll viel zu lachen gegeben haben.

Wo Rylance, der zudem zehn Jahre lang künstlerischer Leiter des neuen Globe in London war, spielt und wirkt, da wird es lebhaft, originell, eigenständig und auch friedlich. Wenn man sich im Internet anschaut, wie er über Stilebenen der Rede spricht und das unmodische Mittel der „Größe“, „grandeur“, lobt und vorführt, kann man sich zwar kringeln, aber zugleich weinen über die Schönheit der englischen Sprache.

Dass „Hamlet“ seinerzeit eine maßgebliche Produktion der Royal Shakespeare Company war, mag den Zusammenhang zwischen der tonangebenden englischen Shakespeare-Truppe und dem Schauspieler enger erscheinen lassen, als er ist. Gleichwohl war Rylance seither, gut dreißig Jahre lang, ein „Associate Artist“ der Company.

Jetzt aber nicht mehr. Er verlässt die RSC und kappt die lose, jedoch für beide Seiten ehrenvolle Verbindung aus Protest gegen das fortgesetzte Sponsoring durch den Ölgiganten BP. Die Kultur gebe dem Unternehmen Gelegenheit, in einem weit erfreulicheren Licht zu erscheinen, als es die vielfach kritisierten Geschäfte des Unternehmens erlaubten. Er wolle damit nicht mehr in Verbindung gebracht werden, so Rylance.

Sofort gibt es kluge Widerworte. Der „Guardian“ findet das „mutig“ – darauf wäre ich nun nicht gekommen –, aber auch weltfremd, weil Kunst nicht „rein“ sei. BP finanziere hier eine gute Sache (ermäßigte Karten für Jugendliche). „Sollen britische Kulturinstitutionen sauberer sein als wir selbst?“ In einem Land, in dem Sponsoring die Hochkultur aufrechterhält, ist da unangenehm viel dran. Aber nicht genug, fand Mark Rylance schließlich.

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