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„Es ist nicht gut, zu viel zu zahlen, aber schlimmer ist es, zu wenig zu zahlen.“

Times mager

Ruskin

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John Ruskin konnte sich das Nachdenken leisten.

Der Kunstkritiker, Maler, Schriftsteller, Romantiker, Sozialkritiker und Erbe John Ruskin (8. Februar 1819–1900), der sich zeitlebens auf seine Art zwischen der Existenz als Glückspilz und Pechvogel bewegte, treibt die Briten angesichts seines 200. Geburtstags um. Es erscheint aufmerksamen Inselbewohnern charakteristisch – auch für Ruskins Punktgenauigkeit, wohingegen sich die Punktgenauigkeit des Times magers an dieser Stelle in Grenzen hält –, dass es ausgerechnet in diesen Tagen einen Mann zu feiern gilt, der die soziale Frage weder chaotisch noch egoistisch diskutierte.

Stattdessen empfahl er die Wiederanbindung der Reichtumsdebatte an die Debatte, wie wir leben wollen. Es habe keinen Sinn, erklärte Ruskin (der die englische „Gier“ beklagte), einfach mehr und noch mehr zu besitzen, vielmehr gehe es doch um die Frage, was man damit dann mache. Und neben dem (von einem Zeitgenossen überlieferten) Ruskin-Bonmot, es gebe kein schlechtes Wetter, lediglich unterschiedliche Formen von gutem Wetter, ist das womöglich berühmteste Ruskin-Zitat dieses hier: „Es ist nicht gut, zu viel zu zahlen, aber schlimmer ist es, zu wenig zu zahlen.“ Interessanterweise – das Times mager macht kein Hehl daraus! – waren diese Zeilen in Ruskins breitem schriftlichem Werk bisher nicht zu finden. Aber sie passen zu ihm.

Sein von den Landsleuten derzeit so schrecklich vermisster Durchblick war es, der ihn nicht nur vor Studenten, sondern auch vor Arbeitern sprechen und lehren ließ. Kein Wunder, kann man sagen, da die früher einsetzende Industrialisierung Englands auch die damit verbundenen Schwierigkeiten früher ans Licht brachte als etwa in Deutschland. Und kein Wunder, kann man sagen, konnte Ruskin es sich doch leisten, nachzudenken. Seine emsigen Eltern hatten ihr einziges Kind glänzend (vorwiegend zu Hause) ausgebildet (so dass er sich in Oxford unterfordert fühlte), waren mit ihm gereist und hinterließen ihm ein Vermögen, das ihn unabhängig machte, das er aber auch einsetzte, um soziale Projekte und die Malerei der ihm nahen Präraffaeliten zu fördern. Eine unglückliche Scheidung, die ihn als impotent dastehen ließ, hing ihm nach, dafür war die englische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts schon lange zu vernetzt.

Jenseits dessen muss er ein seltsamer Mann gewesen sein. Denen, die begeistert von ihm waren, sagte er über kurz oder lang auch etwas, das sie verärgerte. Zum Beispiel gibt es wenige, die Wagners „Meistersinger“ derart niedermetzelten wie er.

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