+
Wilhelm Waiblinger, der württembergische Dichter und Schriftsteller, liegt in Italien begraben. 

Times mager

Rund - Die Feuilleton-Kolumne

  • schließen

Wie Wilhelm Waiblinger durch den wilden Odenwald wanderte.

Frankfurt! Was sich an dieser Stelle stets ganz besonders anfühlt: Denn wie fühlt man sich so, als Frankfurter? Keine Frage! Frankfurt macht was mit einem. Auch deshalb war kürzlich die Rede von Frankfurt, am 4. Mai, hier, in dieser Zeitung, an derselben Stelle. Davon nämlich, dass auch Wilhelm Waiblinger vor ein wenig mehr als 200 Jahren für einige Tage in der Stadt war. Er war 14. Sie kam ihm äußerst lebendig vor, praktisch quirlig. Das traf sich gut, entsprach nämlich Ungeduld und Ungestüm des Jungen. Soeben noch in Frankfurt, war er, kaum dass er beschrieb, was so eine Reise, wenn man es eilig hat, mit einem macht, auch schon wieder unterwegs.

Fünf Tage in Frankfurt: „ein Rausch des Entzückens und des Erstaunens“. Fünf Wochen den Rhein abwärts und wieder aufwärts, für Waiblinger ging es wieder zurück nach Württemberg, manchmal auf einem Rheinschiff, meistens wandernd, ein „Ränzchen auf dem Rücken“, darin, natürlich, Kleider, Wäsche, auch der „Homer“, dazu die eigenen Gedichte, nicht zuletzt ein Pass. Deutschland damals war kein Deutschland („einig Vaterland“), sondern ein Land der Territorien, der Grenzen, der Schlagbäume, der Kontrollen. Wandern war nicht ungefährlich, mitunter lebensgefährlich, man konnte Opfer von Überfällen werden, weshalb man froh sein konnte, wenn man seine nackte Haut rettete. Das war nicht nur bildlich gesprochen.

Apropos Überrumpelndes. Der Herbst begann, es war September 1819, während Wilhelm Waiblinger durch den Odenwald stiefelte und stapfte, wo ihn „ein so erschrecklicher Regen überfiel, dass ich das andere Rheinufer nicht mehr sah“. Wilhelm Waiblinger machte es spannend: „Den folgenden Tag aber ging ich abermals bei ärgstem Nebel aus, entschlossen, nicht mehr zurückzukehren, und wenn das wilde Heer vom Odenwald herüberkommen sollte.“ Im Odenwald, nicht weit von Frankfurt, lauerte allerlei. Dennoch, Wilhelm Waiblinger entkam, erreichte Darmstadt, nahm die Bergstraße, „ging nach Schwetzingen und kam wieder glücklich in Heidelberg an.“

So berichtete er, machte einen Absatz, um folgendermaßen fortzufahren: „Und jetzt, mein lieber Leser, sind wir zu Ende. Denn auf meinem ganzen Wege begegnete mir nichts, das der Erwähnung wert wäre.“ So war Wilhelm Waiblinger, er konnte sicher sein, dass er den Leser mitnahm, etwas mit dem Leser anstellte, ihn nämlich neugierig machte, wenn er erzählte von seiner Tour, im September 1819, in diesen Tagen vor rund 200 Jahren. Für Wilhelm Waiblinger rundete sich in Heidelberg die Reise noch, die Rheinreise zu einer romantischen Reise.

Von Christian Thomas

Der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel über Risiko-Abwägungen in Gesellschaften und die unbedingte Zuständigkeit der Politik, aufgrund von wissenschaftlichen Daten zu entscheiden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion