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Die Eleganz, mit der Juncker den britischen Premier rhetorisch zerlegt, hellt die Stimmung des Urlaubers auf.

Times mager

Ruhe

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Vom Urlaub aus stellt sich die irre gewordene Welt anders dar.

So geht das immer, wenn zwar das Urlaubsziel erreicht ist, noch nicht aber der erstrebenswerte Zustand entspannter Bewusstlosigkeit. Dann findet er keine Ruhe und denkt, er könnte eine ganze Bibliothek wütender Bücher schreiben, wegen der Schlechtigkeit der Welt einer- und des persönlichen Spannungsabbaus andererseits.

Er hat, dumm genug, Zeitungen mitgebracht, und nun liest er von Horst S., der mit großer Geste die Aufnahme von ein paar Flüchtlingen verkündet, die es im Mittelmeer auf die Schiffe privater Seenotretter geschafft haben, anders als die Ertrunkenen und anders als die, denen nicht einmal der Sprung auf ein Boot gelingt, der libyschen Küstenwache sei Dank. Und er, der Urlauber, fragt sich bitter, welche geheimen Kräfte wohl wirken bei der Wortwahl des Politikers Horst S., wenn er von Menschen spricht, die „auftauchen“ vor den Küsten Italiens.

Auch ein Radio hat der Urlauber dabei, und kaum hat das Nachdenken über in Politikern wirkende Kräfte begonnen, fällt auch schon der Name Boris J., dies nun allerdings aus dem Munde von Jean-Claude Juncker, und das ist auch gut so, denn die Eleganz, mit der der scheidende Präsident der EU-Kommission den Briten rhetorisch zerlegt, hellt die Stimmung des Urlaubers schon fast so auf wie die strahlende Sonne den still ruhenden See. Gefragt nach Boris J., sagt Jean-Claude Juncker: „Ich verstehe schon meine eigene Psychologie nur in Maßen, da maße ich mir nicht an, die Psychologie anderer Menschen zu verstehen.“ Und er fügt hinzu: „In diesem Fall wäre das auch eine langwierige Aufgabe.“

Im Urlauber keimt helle Freude auf, und erstmals dem erleuchteten See seine volle Aufmerksamkeit schenkend, nimmt er sich vor, Junckers Brillanz so weit wie möglich zu imitieren, sobald wieder einmal die Notwendigkeit entsteht, jemanden durch die Blume für durchgeknallt zu erklären.

Aber das, denkt der Urlauber, kann warten, und so entsorgt er die Zeitung und legt das Radio beiseite, und geläutert durch die entspannte Eloquenz des Juncker’schen Verdikts gewinnt er langsam das Einzige, was Erholung verspricht: Distanz zu den Verästelungen einer irre gewordenen Welt. So kommt, es, dass sie, die Urlauberin, eines sonnigen Vormittags von irgendeinem Weltereignis erzählt, nicht ohne hinzuzufügen, das interessiere sie im Moment so ganz und gar nicht, woraufhin er, der Urlauber, spontan erwidert: „Ich weiß schon gar nicht mehr, was mich nicht interessiert.“

Von unten blinkt der See in der Sonne, und oben spüren sie, wie aus der Stille eines Spätsommertages etwas entsteht, das viel mehr bedeutet als das Fehlen von Lärm: Ruhe.

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