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Risse

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Von: Judith von Sternburg

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In „Beforeigners“ tauchen die titelgebenden Fremden nicht aus anderen Ländern oder Galaxien, sondern aus vergangenen Zeiten in der (halbwegs) unsrigen Zeit auf.
In „Beforeigners“ tauchen die titelgebenden Fremden nicht aus anderen Ländern oder Galaxien, sondern aus vergangenen Zeiten in der (halbwegs) unsrigen Zeit auf. © dpa

Da stimmt doch wieder etwas nicht im zeitlichen Ablauf. Wer vernünftigerweise die „Beforeigners“ geschaut hat, weiß, woran einen das erinnert.

Gegenwärtig kann ein Vergnügtsein am ehesten noch aus dem Augenblick entstehen. Die Kassiererin wünscht frohe Weihnachten, und die Schlange im Getränkemarkt kichert. Die ebenfalls kichernde Kassiererin hat den Eindruck, den Ereignissen hinterherzuhinken, und selten kann man so nachdrücklich sagen, dass das stimmt und dass sich die Welt an Weihnachten auch wirklich noch anders dargestellt hat, und zwar nicht nur, weil Weihnachten war.

Wer vernünftigerweise Ablenkung bei der durchdachten norwegischen Serie „Beforeigners“ sucht, verspürt in solchen Momenten ferner die Relativität linearer Abläufe. In „Beforeigners“, falls Sie diese Serie tatsächlich noch nicht gesehen haben (in der ARD-Mediathek, inzwischen zwei Staffeln), tauchen die titelgebenden Fremden nicht aus anderen Ländern oder Galaxien, sondern (durch Zeitlöcher, so ist zu vermuten) aus vergangenen Zeiten in der (halbwegs) unsrigen Zeit auf. Ein in der Serie weltweites Phänomen, konkret spielen in Oslo Wikinger eine wesentliche Rolle. Wikinger sagt man aber nicht mehr, sondern „altnordisch“. Eine Herausforderung, was Organisation und Integration betrifft, zumal Abschiebungen unmöglich sind, hier nicht moralisch, sondern technisch.

In der zweiten Staffel kommt es aus unerquicklichen Gründen zu einem Riss in der Zeit, bei dem sich eine „alternative Realität“ materialisiert. Dort verwirklicht der als Schurke fungierende getaufte König Olav der Dicke, nach seinem Tod in der Schlacht bei Stiklestad 1030 heiliggesprochen, seinen Traum von einem christlichen Gottesstaat in der norwegischen Gegenwart.

Die Serie hat da nicht mehr viel Zeit, und ehrlich gesagt wird man wohl nicht alles nachvollziehen können. Es gibt aber einen zutiefst melancholischen Aspekt. Olav, ein totalitärer Simpel, ist in der „Ursprungsrealität“ der Serie erneut gescheitert. Jetzt hat er, gesellschaftlich schon desavouiert, einem fatalen Autounfall (die Wikinger, also die altnordischen Osloer fahren grauenhaft). Der Zeitriss, der ihn hingegen zu Glück und Triumph führt, hängt am seidenen Faden des Drehbuchs. Eine altnordische Polizistin wird Olav einen Strich durch die Rechnung machen. Nun liegt er wieder blutend auf dem Asphalt. Und tut der Zuschauerin leid. Nein, er tut ihr nicht leid. Nein, er tut ihr doch leid, aber es ging nicht anders.

König Olavs Gegenspieler in der Schlacht bei Stiklestad, der alte Heide Tore Hund, hat im Oslo von heute übrigens eine kleine Familie gegründet und arbeitet als Essenslieferant mit dem Fahrrad. Bevor es nicht anders geht, hat man fast immer die Wahl.

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