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Zweieinhalb Jahre später kommt ein retournierter Brief an.
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Zweieinhalb Jahre später kommt ein retournierter Brief an.

Times mager

Riss in der Zeit

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Zweieinhalb Jahre, bis die Post den Brief wieder rausrückte. Was ist dagegen ein um einen Tag verspäteter Geburtstagsgruß?

Ein retournierter Brief erreichte die heimische Adresse jetzt fast zweieinhalb Jahre nach der Absendung. Dies geschah am Donnerstagnachmittag, denn die Post kommt heutzutage oft etwas später. Die kleine Familie musste sich zunächst orientieren, auch der Absender persönlich, der sich beim besten Willen nicht erinnerte. Natürlich hörte er allerlei über seine Handschrift, als aus dem Gekrakel und Gestempel der Post hervorging, dass die Adresse nicht ermittelt werden konnte. Im Brief dann das Datum: Oktober 2018.

So etwas begegnet einem sonst in den vermischten Meldungen, allerdings mit prächtigeren Zeitabständen. Dabei sind zweieinhalb Jahre kein Pappenstiel. Die zur Rede stehende Entfernung (Rhein-Main-Gebiet – Münsterland) hätte man in dieser Zeit mehrfach hin- und herlaufen und somit weit mehr als einen Brief transportieren können. Und wäre noch dazu drahtig (oder: tot).

Immerhin ist der vorliegende Riss im regulären Zeitverlauf (wenn ein Brief ungefähr eine Woche dauert, braucht ein retournierter Brief etwa zwei Wochen) eine Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass der Schriftsteller Paul Zech am gestrigen Freitag 140. Geburtstag hatte. 140 Jahre, auch kein Pappenstiel, 140 Jahre und ein Tag also erst recht nicht. Paul Zech war ein ungewöhnlicher Autor und psychisch gefährdeter Mensch, nach 1933 durch seine Landsleute wegen des Vorwurfs der SPD-Nähe auch physisch gefährdet. Er starb 1946 als Exilant in Buenos Aires, zu arm und krank, um zurückzukehren.

An seiner Biografie bleibt manches unklar, sogar windig. Es gibt eine Geschichte über hochdosierten Bücherdiebstahl (nicht zum Eigenbedarf), nur eine von vielen. Dass von ihm – und nicht von François Villon, schon gar nicht von Klaus Kinski – die Verse zum legendären „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ stammen, sagt selbst auf diesem knappen Platz etwas über seine dichterische Kraft. Zech brachte das Gedicht in seinen „Balladen und lasterhaften Liedern des Herrn François Villon“ unter.

Ein erschütternder Frontbericht, „Von der Mars bis an die Marne“, setzt 1914 ein, obwohl er da nachweislich noch nicht an der Front war. Dennoch erschütternd.

Ein Erfolg waren Zechs Rimbaud-Übersetzungen. Rimbaud überquerte zweimal zu Fuß die Alpen. Es bekam ihm nicht sehr gut. So schließt sich der Kreis, der passenderweise ein ausgebeultes Etwas ist. Während der Brief prima aussah. Die Post ließ ihn in Ruhe, immerhin.

Wie wir am Donnerstag daran gehindert waren, an Paul Zech zu erinnern, so hatte die Post in den vergangenen zweieinhalb Jahren anderes zu tun, als einen Brief weiterzutransportieren. Kann man irgendwo verstehen, aber ich weiß nicht genau, wo.

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