„Ich mache mir nichts mehr daraus.“
+
„Ich mache mir nichts mehr daraus“: Rimbaud verlor den Spaß am Dichten.

Times mager

Rimbaud

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
    schließen

Es irritiert, wenn schöpferische Menschen einfach aufhören: Philip Roth, Gerhard Richter, auch Arthur Rimbaud, mit 19.

Es war ein Schlag, als Philip Roth 2012 erklärte, „Nemesis“ werde sein letztes Buch sein, er habe den Eindruck, seine Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben. Andererseits ist die Vorstellung, ein Gesamtwerk mit einem so klugen, traurigen Roman wie „Nemesis“ zu beenden, imposant. „Nemesis“ ist gewissermaßen ein Roman über einen unwillentlichen Superspreader. Die Krankheit, Polio, ergreift hier nicht die ganz Alten, sondern die ganz Jungen – wie das uns einst das Fürchten lehrende deutsche Wort Kinderlähmung schon sagt, aber die Impfung schmeckte süß. Der zu Recht beliebte und verehrte Feriencamphelfer, der den ihm anvertrauten Jungen beistehen will, ist möglicherweise der, der sie ansteckt. All die Toten, all die lebenslang Versehrten bei diesem einen (fiktiven) Ausbruch 1944, wenige Jahre vor Einführung des Impfstoffs. Das Taschenbuch von „Nemesis“ kostet 12 Euro.

Wie kamen wir jetzt darauf? Weil es immer irritiert, wenn schöpferische Menschen einfach aufhören, schöpferisch zu sein. Selbst die Ankündigung des 88-jährigen Gerhard Richter, keine große Arbeit mehr anzugehen, wühlte die Kunstwelt kurz auf. Dass Gioachino Rossini wie am Fließband (einem Fließband, an dem getobt und an Türen gerüttelt wurde, aber es floss) Opern komponierte und dann nie mehr – obwohl er noch 37 Jahre lebte –, galt vielen als Zeichen von kaltem Pragmatismus. Ein Genie hat sich zu plagen bis zuletzt.

Wie kamen wir jetzt darauf? Weil keiner sich so krass von seinem Dichterdasein abwandte wie der 19-jährige Arthur Rimbaud, der nun auf Reisen ging und im Jemen Geschäftsmann wurde. Er handelte aber nicht mit Marzipangebäck, sondern mit Pelzen, Kaffee und auch Waffen, die er dem späteren Kaiser von Äthiopien, Menelik II., verkaufte. Zsófia Bán lässt Menelik in ihrem Erzählungsband „Weiter atmen“ (22 Euro) dröhnen: „Wo bleibt die Lieferung, Rembolein …“. Als ein guter Freund ihn später fragte, ob er denn noch über Literatur nachdenke, sagte Rimbaud: „Ich mache mir nichts mehr daraus.“

Wie kamen wir jetzt darauf? Weil eine Initiative in Frankreich dafür plädiert, dass die sterblichen Überreste von Rimbaud und seinem ehemaligen Freund Paul Verlaine in den Pariser Pantheon überführt werden sollten. Die Petition, die inzwischen auch starke politische Unterstützung findet, bezieht sich ausdrücklich auf das Zeichen gegen Homophobie, das damit gesetzt werden könnte. In der Tat! Dann wieder trennten sich die beiden Dichter nach zwei Jahren, Verlaine schoss Rimbaud in den Arm und kam in Haft, wo er fromm wurde. Später trank er und würgte seine Mutter, was ihn erneut mit dem Gesetz in Konflikt brachte. Es ist immer komplizierter und vielfältiger, als es zuerst aussieht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare