Applaus, Applaus, Applaaaaauuuus!
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Applaus, Applaus, Applaaaaauuuus!

Times mager

Rhythmisch

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Kaum gibt es wieder was im Theater, wird schon rhythmisch mitgeklatscht. O Mann.

Klar kann man jetzt sagen: Kaum sitzt sie wieder in einer Vorstellung, geht auch das Gemecker wieder los. Aber das wäre zu kurz gegriffen. Ja, die Nachbarn gickeln und turteln, aber sie sind dabei sehr weit weg. Und werfen ihr Aperol Spritz nicht um. Und als er offenbar von einer Wespe angestochen wird, behält er die Nerven.. Das Pauseneis schmilzt viel zu schnell, aber es sind 30 Grad. Und: In welcher Theaterpause kann man sonst ein Cuja Mara Split kaufen? Sommertheater, es ist einmalig, es ist großartig.

Dann fängt das enthusiasmierte Publikum aber an, im Takt mitzuklatschen. Es wird ihm nahegelegt, weil zum Schlussbeifall eine wahnsinnig gute Popmusik von früher läuft. Andererseits: Popmusik von früher ist natürlich unwiderstehlich und verleitet zu ebenso kühnen wie dummen Empfindungen. Aber deshalb rhythmisch mitklatschen?

Da das Publikum, das sich hier tatsächlich von allen individuellen Varianten verabschiedet, wirklich gerne mitklatscht, auch Walzer und überhaupt Operettenmelodien, steht die Frage nach dem Warum also übergroß im Raum. Ist es bloß der Sog, ist es vielleicht die karnevalistische Vergangenheit/Zukunft, ist es ein Gefühl von Gemeinschaft, von Musikalität? Aber weshalb geht es den übrigen 0,01 Prozent der Menschen dann so grundlegend ab? So dass diese entweder verlegen mit den Gummibändern ihrer bereitliegenden Maske schnippen (Vorsicht!) oder ihrerseits versuchen, ganz normal und unrhythmisch, halt irgendwie angetan und zugewandt, zu applaudieren. Das ist schwierig. Vor allem wenn es sich um Ohrwürmer wie diesen handelt.

Dass diese Form des Beifalls für 99,99 Prozent als ideal empfunden wird, merkt man auch daran, dass er sich immer häufiger ins Rhythmische formiert, selbst wenn keine Musik läuft. Er bekommt dadurch so etwas Drängendes, bei starkem Anhalten gar Drohendes. Wie eine Aufforderung zur Zugabe, zur erneuten Höchstleistung. Jedoch ist ein Theater auch unter blauem Himmel keine Leichtathletikbahn.

W ehmütig erinnern wir uns daran, wie das italienische Publikum in der Arena von Verona die bekanntesten Nummern mitzusingen pflegte. Nicht summte, nicht pfiff, lauthals und textsicher mitsang. Das ist ungezogen, aber darüber lässt sich reden.

Die Beschäftigung mit diesem Randthema macht hoffentlich deutlich, dass wir fest an die Rückkehr des großen Theaterabends glauben. Und die Handys sollen in Isoldes Liebestod hineinklingeln, wenn es nicht anders geht, und die Leute sollen zur Ungarischen Rhapsodie mitklatschen, wenn sie unbedingt wollen.

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