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Festspielhaus Bayreuth: Kein Ort für hysterische Anwandlungen.

Times mager

Rheingold

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Bayreuth, zumal das Festspielhaus im Zusammenspiel mit der Musik Richard Wagners, animiert zu emotionalen Bekenntnissen

Was ist davon zu halten, wenn ein Mann um die 40 am Ende von „Rheingold“ in Tränen ausbricht? Die Musik von Richard Wagner ist sehr geeignet dazu, hysterische Anwandlungen auszulösen. In einem „Tristan“-Seminar weinte eine Studentin so, dass der Professor verlegen die Nadel von der Platte nahm. Heftige Reaktionen auf Wagner Musik seien normal, sprach er schließlich, gleichwohl solle ein Wissenschaftler versuchen, sich nicht ganz zu verlieren.

In einer Sitzreihe des Bayreuther Festspielhauses lässt sich das aber nicht gut bereden. Man darf, während man in einer Reihe des Bayreuther Festspielhauses sitzt, bzw. klemmt, niemals an hysterische Anwandlungen denken. Und besser auch nicht an die unendlichen Weiten eines Zweipersonenaufzugs. Aber ist es überhaupt eine hysterische Anwandlung, am Ende von „Rheingold“ zu weinen?

Wer beim Anhören von Musik bisweilen weint, also praktisch jeder Musikhörer, wird feststellen, dass die Motive durchaus variieren. Am Ende von „Rigoletto“ ist es das Weinen angesichts des gewaltsamen und doch rührenden Todes (für Nicht-Opernfreunde: „Winnetou III“), am Ende von „Tosca“ das Weinen angesichts heldischer Selbstzerstörung („Der letzte Mohikaner“), in „Turandot“ das Weinen angesichts des Todes der reinsten Unschuld („Vom Winde verweht“), im „Fliegenden Holländern“ das Weinen angesichts oberflächendurchdringender Liebe („Die Schöne und das Biest“). Am Ende vom „Rheingold“ hingegen, das höchstens die weltweit zwei, drei Alberich-Sympathisanten düpiert, ist es schieres Aufregungsweinen. Hier ist er, der „Ring“, und es ist so viel passiert und noch kein Viertel vorbei, und dunkel wird es enden, aber bis dahin stundenlang Musik, und morgen geht es schon weiter. Ja, insofern handelt es sich wohl um eine hysterische Anwandlung.

Zu hören ist die zweite Runde von Kirill Petrenkos Jahrhundertdirigat, zu sehen die zweite Runde von Frank Castorfs wiederaufgenommener „Ring“-Inszenierung. Das bedeutet, dass Alberich sich mit einem gelben Plastikentchen geißelt und scharf mit Senf schießt, aber auch, dass Wotan der schmierigste Weiberheld und wurschtigste Clanchef ist, den Walhall sah. Während der fremde Mann weint und Petrenko das seltsame Schlussgeprotze des Walhalleinzugs überführt in Musik, starren die Götter, auf einmal alleingelassen von einer Regie, die sich einige Mühe mit ihnen gab, lange auf die dekorativ auf einer Leinwand herumschwimmenden Rheintöchter. Wer da nicht bereits zerflossen ist, bei dem setzt der Verstand wieder ein, und der Verstand sagt: Hä?

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