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Revue

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Von: Christian Thomas

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Was ist Frankfurts Bahnhofsvorplatz? Alles andere als eine Revue.
Was ist Frankfurts Bahnhofsvorplatz? Alles andere als eine Revue. © imago stock&people

Die Fassaden gegenüber von Frankfurts Hauptbahnhof erfüllen den Tatbestand eines starken Durcheinanders. Man sieht auch Passanten, die sich permanent zerstreuen.

Was ist eine Revue? Etwas, das man Revue passieren lässt“, schrieb Siegfried Kracauer im Mai 1925 zum Auftakt seiner Betrachtung über einen Abend in Frankfurts Schumann-Theater, das damals seit 20 Jahren als Varieté gegenüber von Frankfurts Hauptbahnhof existierte, vom Haupteingang aus gesehen linker Hand. Es war nicht zu verfehlen, auch vom Straßenbahnfenster aus seinerzeit nicht zu übersehen, schon wegen der Jugendstilfassade.

Die Kapazitäten, die das Schumann-Theater hinter seiner auch talmihaften Schaufront bot, waren enorm, fanden doch gleichzeitig 5000 Besucher Platz unter der 28 Meter hohen Kuppel. Das „Schumann“ war eine Institution, die die Phantasie stimulierte. Das „Schumann“ war eine Einrichtung, die Frankfurts berühmten Bürgermeister Franz Adickes sagen ließ, erst mit dem Schumann-Theater sei die Stadt zur Großstadt geworden.

Lässt man heute die Fassaden gegenüber von Frankfurts Hauptbahnhof Revue passieren, so muss man vom Anblick des Schumann-Theaters deswegen absehen, weil es 1961 abgebrochen wurde. Die Kriegsruine, von den Amerikanern noch bespielt, wurde 16 Jahre nach dem Ende des Krieges abgetragen. Auch und gerade die Beseitigung des Schumann-Theaters aus dem Stadtbild wurde zum Sinnbild einer zweiten Zerstörung Frankfurts, der Nachkriegszeitzerstörung.

Ein weites Feld der Wortfelder

Siegfried Kracauer, der alles andere als ein Revueverächter war, der die Revue aber dennoch nutzte, um über falsche Fassaden und das flirrende Talmi billiger Unterhaltung zu sprechen, brachte den Gedanken der Zerstreuung auf als Wahrnehmungsweise einer populären Massenkultur. Gucken anstelle von Sehen. In der Zerstreuung sah der Kulturkritiker Kracauer so etwas wie ein ziemliches Durcheinander. Keine gezielte Wahrnehmung, sondern eine geistig eher abwesende.

Der gebürtige Frankfurter, der geborene Flaneur Kracauer hat recht behalten. Einem Abbild ziemlichen Durcheinanders kann der heutige Trambenutzer zum Straßenbahnfenster hinaus zusehen. Wo früher das Schumann-Theater stand, befindet sich heute ein Gebäude mit Zieraat-Bank. Überhaupt erfüllen die Fassaden gegenüber von Frankfurts Hauptbahnhof den Tatbestand eines starken Durcheinanders. Und den Fassaden entlang sieht man einem Kommen und Gehen zu, Passanten, die sich permanent zerstreuen.

Was ist Frankfurts Bahnhofsvorplatz? Alles andere als eine Revue. Und doch eine Einrichtung, die einem passiert und die man passieren lässt. Frankfurts wimmeliger Bahnhofsvorplatz ist ein weites Feld der Wortfelder.

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