+
Aus eigener Erfahrung lässt sich sagen, dass es nicht einfach ist, ein Smartphone absichtlich zu zerschmettern (unabsichtlich: kein Ding).

Times mager

Retro

  • schließen

Ist es nur ein Scherz, wenn Theaterbesucher gebeten werden, während der Vorstellung nicht zu essen und trinken? Mitnichten.

Kürzlich war es den Herrschaften einige Reihen weiter hinten kaum möglich, die Sprachsteuerung des Smartphones in den Griff zu bekommen. Igor Levit bahnte sich unterdessen den Weg durch eine komplexe Kadenz. Ein nervtötender Moment. Würde Igor Levit aufspringen, ein sehr langes, sehr gut funktionierendes Lasso nach den Schurken werfen, sie auf die Bühne ziehen und dort erwürgen? Und im Anschluss das weiterplappernde Smartphone zerschmettern? Aus eigener Erfahrung lässt sich sagen, dass es nicht einfach ist, ein Smartphone absichtlich zu zerschmettern (unabsichtlich: kein Ding). Ebenso, dass man sich beim Versuch, ein Smartphone auszuschalten, tatsächlich vertun kann. Vor allem älteren Menschen passiert das nicht selten, die schlechte Beleuchtung, die Eile, dann auch die Nervosität.

Im Staatstheater Mainz wird das Publikum seit neuestem auch darum gebeten, nicht zu essen und zu trinken. Das würde man für einen Scherz halten – ein paar Leute kicherten –, gehörten nicht das sanfte Aufzischen des Sprudels und die zarten Gluckgeräusche aus den Kehlen gesund lebender Individuen fast zum Alltag des Menschen im Zuschauerraum.

Mensch im Zuschauerraum, ein weites Feld

Der Mensch im Zuschauerraum, ein weites Feld. Der Mensch im Zuschauerraum trägt wenig Verantwortung, muss selten etwas tun, darf sogar schlafen, sofern er nicht ins Stadium IV fällt und die Kontrolle über sein Atmen verliert. Seine einzige Aufgabe ist es, ruhig zu sein, die Hustenbonbons ausgewickelt im reißverschlusslosen Täschchen bereitzuhalten, die Akustik durch schallschluckende Masse zu verbessern und den Künstlern auf der Bühne das Gefühl zu geben, dass sie nicht alleine sind.

Nun ist das aber einigen Menschen einfach zu wenig. Sie blicken lieber zurück auf jene Zeit, in der es im Zuschauerraum noch abging. So lange ist das nicht her. Kulturwissenschaftler Jens Malte Fischer lehrte uns, dass erst mit Richard Wagner der Saal ernstlich dunkler wurde als die Bühne – zuvor teils viel schlechter erleuchtet als die Zuschauerreihen, in denen man schließlich sehen und gesehen werden wollte. Stille und Dunkelheit, im Konzert abgedämpfter, damit es für den Blick in die Taschenpartitur noch reicht, sind Geschenke oder Plagen, die kaum 150 Jahre währten. Was ist das gegen eine Menschheitsgeschichte mit tumultöser Zuschauerschaft, während vorne auch noch irgendwie was los war.

Was aber machte Igor Levit? Spielte weiter, bekam vielleicht gar nichts mit davon. Der Rachedurst der Umsitzenden blieb ungestillt, zumal sie, schrecklich 19. Jahrhundert, das Konzert nicht stören wollten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion