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Von: Lisa Berins

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Braunkohletagebau Garzweiler II: Ein Schaufelradbagger an der Tagebaukante bei Lützerath.
Braunkohletagebau Garzweiler II: Ein Schaufelradbagger an der Tagebaukante bei Lützerath. © Jochen Tack/Imago

„House of Horror“: Der Künstler in einer unwirtlichen Umgebung, an der Kante des Tagebaus.

Vor kurzem auf dem Weg ins Rheinland: Die Autobahn führt dort direkt am Rande der Garzweiler-Braunkohle-Tagebaue vorbei: ein riesiger Lochfraß in der Landschaft, ein Kraterrelief in sandigem Graubraun. Es ist nicht unbedingt das, was wir als schön bezeichnen würden: Obwohl – vielleicht sollten wir wenigstens mal versuchen, etwas Nützliches aus unseren Klimasünden zu ziehen. Wenn sie schon nicht rückgängig zu machen s ind. Und hat das raue Umfeld nicht ein gewisses Flair ? Etwas Endzeitliches. Extraterrestrisches, Dystopisches? Der Raubbau an der Natur, um an Ressourcen zu gelangen, die wir dann achtlos verschwenden – er kann auch inspirierend sein.

Gregor Schneider zum Beispiel scheint in dieser Umgebung etwas Essenzielles für seine Arbeit gefunden zu haben. Der Künstler wurde im Jahr 2001 mit dem Goldenen Löwen der Biennale ausgezeichnet, er stammt aus Mönchengladbach-Rheydt, einer Stadt direkt ums Eck des Tagebaus. Schneider hat mit seinen beklemmenden Raum-in-Raum-Installationen in den Nullerjahren Aufsehen erregt.

In der BBC-Dokumentation „House of Horror“ steht er in der unwirtlichen Umgebung, an der Kante des Tagebaus, das große Loch zu seinen Füßen. Für seine Arbeiten hole er sich Baumaterial aus den Geisterdörfern, die bald weggebaggert würden, erzählt er. Er „plündere“ und reiße Türen, Böden, Fenster raus.

Dann sehen wir den Künstler in ein verlassenes, leer geräumtes Haus einsteigen und die baulichen Reste im 50er-Jahre-Schick mit kribbelnder Expertise begutachten. „Schön hier.“ Er streichelt über eine vergilbte Steckdose. „Die brauche ich.“ Ein fensterloses Zimmer hat es ihm besonders angetan. „Starker Raum. Den muss man nachbauen.“

Wie würde das Werk eines der bedeutendsten deutschen Künstler unserer Zeit aussehen, wenn es keine Orte wie diesen gäbe, dem das Leben so brutal und unbarmherzig entrissen wurde? Hätte Schneider ohne ein solch trostloses Relikt der menschlichen Raffgier seine Raumerfahrung überhaupt machen können?

Auch der Liedermacher Gerhard Gundermann, der singende Baggerfahrer, muss von dem schroffen Ambiente des Braunkohlebergbaus beeindruckt gewesen sein, als er in der DDR seine Musikerkarriere begann. Hätten seine Lieder wohl ähnlich rau, melancholisch und durchdringend geklungen ohne die Erfahrung, mit einem übermenschlichen Monstrum Löcher in die Lausitzer Erde zu reißen, den Kohlestaub einzuatmen und dabei über Leben und Tod zu philosophieren? Außerdem, wie singt er noch: „Immer wieder wächst das Gras“. Genau.

Also, bis es kein Immer-wieder mehr gibt.

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