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Rendezvous

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Von: Judith von Sternburg

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Lesen, wo andere es sehen – damit man sie wieder zu Gesicht bekommt, die Bücher, die Menschen, die Bücher lesen.
Lesen, wo andere es sehen – damit man sie wieder zu Gesicht bekommt, die Bücher, die Menschen, die Bücher lesen. © Bernd Thissen/dpa (Symbolbild)

„Gib mir mein Herz zurück, Massimo“: Immerhin liest die Mitfahrerin in der S-Bahn.

Nun hat ja, gewiss erinnern Sie sich, Hauke Hückstädt, der Leiter des Frankfurter Literaturhauses, kürzlich dazu aufgerufen, in der U-Bahn ein Buch zu lesen, damit man sie wieder zu Gesicht bekommt: die Bücher, die Menschen, die Bücher lesen. Er traf den Nagel auf den Kopf. Keine zehn Jahre ist es her, dass in der Bahn küchenpsychologische Studien anhand der Lektüren möglich waren. Der Herr mit Krawatte und „Das Grauen aus dem Nebelsumpf“, kompensierte er, dissoziierte er, schnatterte er, wollte er bloß mitreden können?

Kurz nach Hückstädts Aufruf sitzt aber schon eine Frau in der S1 und liest „Gib mir mein Herz zurück, Massimo“ von Natalie Anderson aus der Serie „Julia. Reich & Schön“. Ein Groschenheft, aber immerhin ein Start, und es scheint die Groschen wert zu sein. Jetzt ist es doch gut, das Smartphone zur Hand zu haben.

Carrie Barrett wird im Restaurant des teuersten Hotels im Jachthafen von Auckland versetzt. Dafür taucht ein fabelhaft aussehender Mann auf. Sie glotzt sich die Augen aus dem Kopf, und kurz bevor das jetzt alles schon etwas zu lange dauert, wechselt Natalie Anderson clever die Perspektive und zeigt uns Carrie mit den Augen von Massimo Donati-Wells, der trotz seines Operettennamens (den sie glücklicherweise noch nicht kennt) irre erfolgreich ist und nach „ein paar langen Arbeitstagen“ und einem „erfolgreichen Vertragsabschluss“ einer „kleinen Belohnung“ nicht abgeneigt. Hübsche Frau, Carrie, aber nicht „sein Typ“. Beide sind trotzdem elektrisiert, kommen ins Gespräch, bestellen teure Sachen. Seine intellektuellen Defizite werden deutlich, aber er gleicht das mit seinen grünen Augen aus. Er liest keine Bücher, sagt er, nur Bilanzen. Carrie rollt nur mit den inneren Augen, da hat er schon wieder Glück. „Ein Blick auf Massimos teure Uhr zeigte, dass es auf Mitternacht zuging“, die beiden landen auf einer teuren Jacht. Hier endet die Leseprobe in dem Moment, in dem sich Carrie überlegt, dass sie Massimo die Wahrheit sagen sollte. Vielleicht ist sie ein Androide oder eine gesuchte Terroristin oder hat einen Verlobten? Natalie Anderson lässt das bis zu diesem Zeitpunkt völlig in der Schwebe.

Viele Menschen, die endlich zu eigenem Geld kommen und alt genug sind, einmal alleine an einem fremden Bahnhof zu warten, werden sich gleich einmal ein solches Heft kaufen, „Reich & Schön“, Hefte voller orthografischer Wagnisse, aber auch großer Versprechen. Im Endeffekt verläuft das dann meistens ernüchternd. Aber, wie man sieht, nicht immer. Die Frau, die zweifellos mehr als ein paar lange Arbeitstage hinter sich hat, lässt „Gib mir mein Herz zurück, Massimo“ 40 Minuten lang nicht länger sinken als für ein paar Verschnaufsekunden.

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