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Der Philosoph Protagoras sah das Maß aller Dinge im Dreieck von absoluter Objektivität, subjektiver Erfahrung und relativer Erkenntnis aus. 

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Relatives Maß

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Der Satz, wonach „der Mensch das Maß aller Dinge ist“, wird gerne missverstanden.

Noch so ein Missverständnis, aber anders als zumeist erwartet, sobald es heißt, der Mensch sei das Maß aller Dinge. Das geflügelte Wort kam zuletzt überhaupt nicht gut an, Stichwort Klimadebatte.

Mit dem Satz schien ein fatales Motto gefunden, ein für die Entwicklung auf diesem Planeten unverantwortlicher Leitgedanke, gleichzusetzen der biblischen Devise: Macht euch die Erde untertan. Nachzulesen ist die göttliche Order in der Genesis, 1. Mose 1, 28. Und wer entwickelte, Jahrhunderte später, den Gedanken, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei?

Lässt sich natürlich rasch er-googeln oder im Netz ergründeln. Das Problem zwischen Buchdeckeln aufgeblättert sieht so aus, dass der „Mensch das Maß aller Dinge ist, der seienden, dass sie sind, der nichtseienden, dass sie nicht sind“, worüber seit der Antike immer wieder nachgedacht worden ist, immer wieder neu, anders. Rede, Gegenrede.

Innerhalb der intellektuellen Gemengelage ist der Gedanke auch dahingehend ausgelegt worden, dass dort, wo zwei Menschen aufeinandertreffen, zwei Perspektiven aufeinanderstoßen. Zwei Menschen – zwei Meinungen: keine neue Erkenntnis. Das hat natürlich Folgen. Darunter die, dass es „keine objektive Wahrheit gibt, derzufolge der eine recht und der andere unrecht“ habe, wie Bertrand Russell den Satz interpretierte. Der berühmte Russell stellte sich dem Satz als Philosoph, womöglich nicht so sehr als Friedensaktivist.

Als Anleitung und Legitimation, gar als Ansporn zu einer maßlosen Hybris ist der Gedanke des Protagoras, von dem der Satz stammt, falsch verstanden. Vielmehr machte der Philosoph, rund 100 Jahre nach dem Mathematiker Pythagoras, das Maß aller Dinge im Dreieck von absoluter Objektivität, subjektiver Erfahrung und relativer Erkenntnis aus.

Das Maß als relativer Maßstab. Bei Russell kann man nachschlagen, dass es sich bei dem berühmten, dem berüchtigten, dem geflügelten Wort um „eine im Wesentlichen skeptische Doktrin“ handele. Kniffelige Sache, wenn so gar nichts objektiv, alles vielmehr subjektiv ist. Wenn jeder Absolutheitsanspruch also fehlgeht. Von einem Aktivisten wie Russell hätte man gerne gewusst, was das für den heutigen Aktivismus bedeutet.

Wie ein roter Faden durchzieht die Homo-mensura-Theorie des Protagoras die Verteidigung des Besonderen gegen das Allgemeine, des Relativen gegen das Absolute – also auch des Menschen in der Menschenmenge (einer Massenbewegung)? Kompliziert! Halten wir uns notdürftig an den seidenen Faden, dass es dem alten Griechen in der heutigen Klimadebatte womöglich ebenfalls um das Außergewöhnliche ginge, den Klimawandel im Klima.

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