Auch das Bonbonpapier aus Plastik ist eine einflussreiche, wenn auch zahnschädigende Entwicklung der Neuzeit.
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Auch das Bonbonpapier aus Plastik ist eine einflussreiche, wenn auch zahnschädigende Entwicklung der Neuzeit.

Times mager

Reißverschluss

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Ineinandergelegte Metallteilchen, die nicht schon bald wieder auseinander driften? Der Erfinder des R.s soll heute einmal gewürdigt werden.

Heute vor 138 Jahren wurde in Schweden der spätere Amerikaner Otto Fredrik Gideon Sundback geboren, ein schöner Anlass, kurz einmal über seine berühmteste Erfindung nachzudenken. Wobei das noch keinem bekam, das Nachdenken darüber. „Kein Mensch kann sich erklären, warum der Reißverschluss funktioniert. Niemand weiß es. Die Fabrikanten können ihn herstellen, aber sie wissen eigentlich auch nicht ganz genau, was sie da fabrizieren. Ich weiß es nicht. Du weißt es nicht. Wir wissen es alle nicht“, schreibt hierzu Kurt Tucholsky im Jahre 1928. In seinem Prosastück „Wie sieht der Erfinder des Reißverschlusses aus?“ werden die Menschen ganz konfus davon, erkennen aber, dass sich damit Geld verdienen lässt.

Das dauerte allerdings eine Weile, denn vor Sundback (der sein Modell erstmals 1909 patentieren ließ) hatte manch einer versucht, ein Teil herzustellen, welches ... Der Reißverschluss ist ein Ding, das erstens trotz seiner praktischen Grifflasche unbegreiflich bleibt, zweitens schwierig zu beschreiben ist und drittens nur auffällt, wenn es nicht funktioniert. Denn erstens macht die Liste der Fehlversuche klar, wie sehr ineinandergeschobene Metallteilchen (um sich hier nicht zu sehr festzulegen) dazu neigen, gleich wieder auseinanderzudriften. Zweitens stellt sich eben die Frage, wie man diese Teilchen nennen soll, bei denen man nach dem Betrachten etlicher Skizzen noch immer bloß ahnt, was sie im Innersten zusammenhält. Drittens wird man tatsächlich häufig hören, dass ein Reißverschluss kaputt ist, dass er klemmt oder auch, dass jemand oder etwas in ihm klemmt. Dass er sich bis in unsere Tage hinein von unten wieder aufriffelte und man nicht wusste, wie man darauf reagieren sollte – denn größere Verklemmungen waren nun zu befürchten, überhaupt hatte der sich von unten öffnende Reißverschluss etwas Katastrophisches –, gehörte letztlich zu den dramatischsten Ärgernissen einer friedlichen Kindheit vor Durchsetzung des Klettverschlusses. Selten wird der Reißverschluss gelobt.

Dabei war es also Sundback, der die entweder entsetzlich umständlichen oder permanent auseinanderflutschenden Modelle dahingehend verbesserte, dass sie auf einmal weder umständlich wirkten noch entzwei gingen. Damit trug auch der Reißverschluss sein Scherflein dazu bei, das 20. zu einem extrem schnellen Jahrhundert zu machen. Charakteristischerweise fiel das früh den Militärs auf. Heute sind es neben Hosen, Röcken, Schuhwerk vornehmlich Handtaschen, die mit einem Reißverschluss versehen sind. Merke: Der im Sinfoniekonzert auf- und zugezogene Reißverschluss entwickelt eine beträchtliche Lautstärke, die unwesentlich geringfügiger wird, wenn der Reißverschluss langsam auf- und zugezogen wird. Das ist eine Analogie zum Bonbonpapier aus Plastik, ebenfalls eine einflussreiche, wenn auch zahnschädigende Entwicklung der Neuzeit.

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