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Reiser

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Von: Stephan Hebel

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Ein Mitarbeiter der Münchner Stadtreinigung sucht sich im Lager in München einen Reisigbesen aus.
Ein Mitarbeiter der Münchner Stadtreinigung sucht sich im Lager in München einen Reisigbesen aus. © Stephan Jansen/dpa

Männer in orangefarbenen Jacken, die einen Besen binden – wo gibt es denn so etwas noch?

Von dem Ort aus, der hier gemeint ist, müssen Sie nur ein paar Schritte rechts gehen, dann der Linkskurve folgen, wieder rechts abbiegen und dann noch einmal links. Vielleicht hundert Meter noch, dann sind Sie da.

Wo? Am Ort des Geschehens, das sich kürzlich auf der kleinen Wiese gleich rechts von Ihnen abgespielt hat: Zwei Männer sitzen im Gras, schweigend, und arbeiten. Was sie arbeiten, sitzend? Im Gras? Sie binden Reiser, das klingt schöner als „Sie binden Reisig“, ist aber dasselbe.

Nun ziehen Sie von der Situation ganz unwillkürlich die störenden Umstände ab: das Signal-Orange der Jacken, die die Männer tragen; die grauen Wolken am Himmel; die Kälte der Luft und des Bodens, auf dem die Männer sitzen, offenbar durch die Konzentration auf ihre Reiserbesen so sehr von innen erwärmt, dass sie nicht zu frieren scheinen; den Verdacht, dass Herrchen und Frauchen nicht genug in ihre Beutelchen geschaufelt haben, um jede Verunreinigung der signal-orangen Hosen der Männer zu vermeiden.

All das ziehen Sie also ab, und vor Ihrem Auge erscheint das idyllische Bild eines irgendwie romantischen Südens, das die traditionelle Kunst des Reiserbesenbindens in bunten Farben zeigt, zumal die Männer ihre wenigen Worte in einer für Sie fremden Zunge wechseln, eben so wie fast alle Männer, die für Sie in signal-orangen Anzügen arbeiten, aber daran denken Sie gerade nicht.

Es hat etwas zutiefst Kontemplatives, wie die Männer die Reiser bündeln, mit Draht umwickeln und beiseite legen. Mit freundlicher Geste nähern Sie sich den Männern und fragen, was es denn mit den so wunderbar traditionellen Besen auf sich habe. Ob sie sie etwa verkaufen wollten?

Ja, sagt der eine scherzhaft, zwölf Euro! Nein, sagt der andere, die gehören der Stadt! Die Männer werden die frisch gebundenen Besen zum Betriebshof bringen, und ja, dann werden sie zum Straßenkehren benutzt, sowohl die Männer als auch die Besen. Denn, so lesen Sie später, für die schwer zugänglichen Schmutzecken in Ihrer Stadt „sind die Reisigbesen die besten“. Da geht es zwar um Exemplare aus „italienischem Heidekrautreisig“, aber glauben Sie es ruhig, Birkenreisig tut es hier und da auch.

Nun wird es langsam so praktisch, dass Ihre nostalgisch-romantische Stimmung schon zu schwinden droht. Aber gerade rechtzeitig lesen Sie noch, wie der städtische Reinigungsbetrieb mit den Beteiligten eines Flüchtlingsprojekts Reisigbesen für ein Tanztheaterstück gebastelt hat.

In der Nacht träumen Sie, wie der Oberbürgermeister, gekleidet in Signal-Orange, auf einer sonnigen Wiese mit der Belegschaft des städtischen Reinigungsbetriebs auf dem Reiserbesen tanzt.

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