„Wotan und die anderen Götter sind sprachlos in den prächtigen Anblick versunken.“
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„Wotan und die anderen Götter sind sprachlos in den prächtigen Anblick versunken.“

Times mager

Regenbogen

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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„Rheingold“, das 4. Bild: Wie haben sich die Inszenierungsteams seit 140 Jahren daran abgearbeitet, jedenfalls die meisten.

„Plötzlich“, heißt es dann, „verzieht sich die Wolke; Donner und Froh werden sichtbar: von ihren Füßen aus zieht sich, mit blendendem Leuchten, eine Regenbogenbrücke über das Tal hinüber bis zur Burg, die jetzt im Glanze der Abendsonne strahlt. ... Wotan und die anderen Götter sind sprachlos in den prächtigen Anblick versunken.“

Natürlich kann Wotan bereits Sekunden später wieder ausgezeichnet singen, und nicht nur tut er dies mit göttlicher Kraft und Milde, sondern „wie von einem großen Gedanken ergriffen“ nennt er die betreffende Burg auch erstmals beim Namen: Walhall. Allein Loge findet noch sardonische Spottworte, und dies war denn auch sein letzter leibhaftiger Auftritt im „Ring des Nibelungen“. „Während die Götter auf der Brücke der Burg zuschreiten, fällt der Vorhang.“

Dem 4. Bild von Richard Wagners „Rheingold“ widmet sich in diesem Jahr der zu Recht beliebte Postkartenkalender der Bayreuther Festspiele. Zwölf Monate und zwei Zusatzabbildungen lang präsentiert sich die entsprechende Szene über die fast 140 Jahre, beginnend mit einem Gemälde des Bühnenbildners Josef Hoffmann zur von Wagner selbst inszenierten Uraufführung. Offenbar ist gerade eben erst der von Donner produzierte Regenbogen erschienen, den Froh nun zur Brücke beibiegen muss – im Hintergrund die ausgesprochen futuristische Burg. Auch wenn Hoffmanns Bild seinen Wunschtraum wiedergeben dürfte, so lesen wir nicht ungerührt, was Camille Saint-Saëns aus eben jener Aufführung von 1876 berichtet. Zum Beispiel: „Der Theatermeister hat einen Blitz erfunden, der durch seine Natürlichkeit und imposante Schönheit uns mit Staunen erfüllt.“ Der Hohn, der wie der Nebel die technisch ambitionierte, aber eben noch unzulängliche Uraufführung des „Rings“ in Bayreuth begleitete, wurde also mitnichten von jedermann geteilt. Die Kostüme: römisch-germanisch-antikisierend. Auch sonst alle Details, die mit dem Begriff Werktreue gemeint sein dürften. Speer, Apfel, Rheingoldsack, Riesenleiche.

Nun ist es ein Vergnügen, Monat um Monat die Anstrengungen zu bewundern, die seither in Bühnenbilder und Regie investiert wurden, um entweder etwas Ähnliches oder etwas originell anderes herzustellen. Regenbögen aus Licht, Neonröhren, Objekten, gefilmt, geformt, herabrieselnd. Walhall nah und fern, finster und licht, wohnlich, kubisch, zackig, amorph oder ganz schleierhaft.

Nach all dem Ringen und Probieren, dem Abstrahieren und Konkretisieren, dem Weglassen und Doch-wieder-Hintun folgt im Dezember dann das Motel der Castorf-Inszenierung (2013-2017), das einem bisher nicht direkt fantasielos vorkam. Jetzt aber schon.

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