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Regen

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Von: Sylvia Staude

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In diesem Sommer erfreuen Urlaubs-Postkarten mit dunklen Wolken.
In diesem Sommer erfreuen Urlaubs-Postkarten mit dunklen Wolken. © Stefan Sauer/dpa

„Das Wetter ist schön“, stand früher auf jeder Ansichtskarte und meinte: sonnig und trocken.

Die Verwandten schreiben aus dem im Süden gelegenen Urlaubsort: „Es regnet sogar“. Dazu schicken sie ein Foto, auf dem (vielleicht) im Hintergrund dunkle Wolken zu erkennen sind, (womöglich) eine kleine dunkle Wolke zu erkennen ist. Man schreibt zurück: Wie schön! Glückwunsch! Mit Ausrufezeichen jeweils und ohne jeden ironischen Unterton. Denn wer in diesem Sommer auf einem blauen Himmel besteht, der ist in einer Zeit steckengeblieben, in der man den Lieben und jenen, die man einfach nur neidisch machen wollte, Postkarten mit geradezu unwahrscheinlich blauem Himmel (nachkoloriertem blauen Himmel) über der Akropolis / dem Forum Romanum / Tower / Eiffelturm schickte. Einer Zeit, in der selbst die schottischen Andenkenhändler neben Wollpullis Ansichtskarten mit strahlend blauem Himmel verkauften, obwohl jede und jeder wusste, dass, wer auch immer das fotografiert hatte, in Edinburgh oder Glasgow Wochen, wenn nicht Monate auf einen wolkenlosen Tag gewartet haben musste. (Der grotesk dicke, zudem kratzige Schafwollpulli – man hat sich kürzlich an ihn erinnert und ja, er liegt tatsächlich noch im hintersten Eck des Kleiderschranks und wartet auf sein nun gar nicht mehr so unwahrscheinliches Comeback.)

Den Eltern schrieb man auf die Karte mit dem strahlend blauen Himmel, denn das war die Wahrheit: „Seit drei Tagen regnet es nur ...“. Aber sorgt euch nicht, liebe Eltern, selbstverständlich haben wir trotzdem Spaß in P./ L., es gibt schließlich Museen, auch berühmte Kaufhäuser. (Dort war die Badekleidung schon stark herabgesetzt; zwar hatte man für diesen Sommer die Hoffnung halbwegs aufgegeben, aber es konnte nicht schaden, günstig für den nächsten einzukaufen.)

Denen, die man neidisch machen wollte, schrieb man – und es floss einem automatisch aus dem Kugelschreiber: „Das Wetter ist schön“. Es verstand sich von selbst, dass „schön“ trocken und sonnig bedeutete. Denn kein Urlaub war ein toller Urlaub, wenn der Bikini ungetragen blieb und die Haut blass wie die eines Engländers oder eines ungetoasteten Toastbrotes.

Nach Absenden der Karte musste man hoffen, dass die Empfänger derselben so viel Anstand hatten, nach Rückkehr der Reisenden nicht nachzufragen, ob es denn wirklich die ganze Zeit ... Und dass sie nicht den Wunsch äußern würden, zum Diaabend eingeladen zu werden: „London interessiert uns sehr, aber wir dachten, da regnet es dauernd.“

Die Verwandten schreiben: Das Wasser im Fluss reicht, um ein paar Meter zu schwimmen. Man antwortet ihnen mit einem Daumen-hoch-Emoji.

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