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Inflationär behaupten wir: „Alles gut“ - dabei stimmt das gar nicht.

Times mager

Alles gut

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Eine Wendung ist auf dem Vormarsch. Überall werden wir von ihr angerempelt

Da das Times mager an Themen dranbleibt und sich dabei auch ständig selbst hinterfragt, kommt es heute auf eine Wendung zurück, die vor mehr als einem Jahr schon einmal eine Rolle gespielt hat. Damals war die Allgegenwart der Wendung, einer für sich genommen völlig unauffälligen, bereits nicht mehr neu. Da das Times mager auch mal reinkommentiert, machte es seinerzeit aus einer leichten Gereiztheit wenig Hehl und stellte fest, dass man ruhig ab und zu wieder etwas anderes sagen könnte.

Heute, 15 Monate später, kann man nur sagen, dass wirklich niemand auf das Times mager hört. Von einem täglichen Aufkommen der betreffenden Wendung im mittleren zweistelligen Bereich verursacht es etwa die Hälfte inzwischen selbst. Wir blenden uns kurz rein: „Wir haben keine Rosinenbrötchen mehr“ – „Ich habe leider nur zwanzig Euro“ – „Danke“ – „Pardon“ – „Können Sie mich vorbeilassen?“ – „Danke“ – „Verzeihung“ – „Können Sie etwas durchrücken“ – „Können Sie mich rauslassen“ – „Danke“ – „Entschuldigung“ – „Hast du den Chip?“ – „Wie war’s gestern?“ – „Danke“ – „Hoppala“ – „Das dauert noch ein bisschen“ – „Ich bin gleich fertig“ – „Danke“ – „Sorry“ – „Ja, machen wir sofort“ – „Danke“ – „Schuligung“ – „Das hätte ich jetzt fast vergessen“ – „Jetzt muss ich aber schleunigst los“ – „Danke“ – „Pardon“ – „Können Sie mich vorbeilassen?“ Nur scheinbar schließt sich hier ein Kreis, denn die Äußerungen, auf die man mit „Alles gut“ reagieren kann und dies heutzutage auch weitgehend tut, sind ohne Zahl.

Die Kritikwürdigkeit liegt auf der Hand. Offensichtlich ist keineswegs alles gut, erstens und vor allen Dingen. Was haben wir Kinder und die damaligen Erwachsenen darüber gelacht und altklug den Kopf geschüttelt, als sie uns zu erklären versuchten, dass die Amis sich immer gegenseitig fragten, wie es ihnen gehe, und dann immer sagten, es gehe ihnen gut. (Jahrzehnte später kann man daraus übrigens Rückschlüsse ziehen, auf was für einen mürrischen Umgangston die Deutschen sich damals etwas einbildeten, weil er ihnen ehrlich vorkam und vermutlich ehrlich war.) Hinzu kommt eine kecke Präpotenz, indem permanent die Gesamtsituation eingeschätzt wird. Ein starkes Stück, das sich ursprünglich nur Gott geleistet hat, und dies zu einem Zeitpunkt, an dem die Lage tatsächlich noch äußerst überschaubar war.

Wie kommt es also, dass Nutzer für den Gebrauch so selten mit Blicken gespießt werden? Weil die sprechende Person es so offensichtlich gut meint und die deeskalierende Wirkung enorm ist. Weil Freundlichkeit ein rares Gut darstellt. Weil ein Zipfel Utopie im Gedränge und Gehetze keine Schande ist. Das merken die Leute, und sie wissen es zu schätzen.

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