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Rausch

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Von: Michael Hesse

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Eine Person raucht einen Joint. Die Ampel-Parteien wollen Cannabis für den Genuss legalisieren.
Eine Person raucht einen Joint. Die Ampel-Parteien wollen Cannabis für den Genuss legalisieren. © Fabian Sommer/dpa

Sigmund Freud empfahl Rauschmittel gegen das Unbehagen an der Zeit. Wäre das auch jetzt was?

Der Psychologe Sigmund Freud war den Genussmitteln seiner Zeit durchaus zugetan. Er rauchte Zigarre, spie Rauchwolken in die Luft wie ein Vulkan, nahm Kokain und trank auch Alkohol. Im Jahr 1929 schrieb er einen Essay, der unter dem Titel „Das Unbehagen an der Kultur“ zum Klassiker avancierte. Als Freud die Schrift verfasste, taumelte die Welt am Abgrund. Sie war von der Weltwirtschaftskrise gezeichnet, welche die mühsam errichtete Stabilität der Nachkriegsgesellschaften massiv erschütterte. Sie kam einem Erdbeben gleich. In Berlin zerbrach eine große Koalition aus SPD, Zentrum und zwei kleineren Parteien. In Österreich, Freuds Heimat, siegten noch einmal Sozialdemokraten und Christdemokraten deutlich.

Was folgen sollte, war zunächst der politische Rausch. Anschließend steuerten die Gesellschaften wie auf der Titanic auf die Katastrophe zu. Doch als Freud 1929 müde auf seinem Sofa an seiner Zigarre nuckelte, war es noch die Ruhe vor dem Sturm. Und doch erkannte er Dinge, die uns Heutige genauso treffen wie die Zeitgenossen Freuds. „Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns“, schrieb der große Psychologe, „es bringt uns zu viele Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben.“ Doch was können wir tun? „Um es zu ertragen“, riet uns der Doktor der Medizin, „können wir Linderungsmittel nicht entbehren.“

Er empfahl Ersatzbefriedigungen und Rauschmittel gegen das Unbehagen an jener Zeit, in der lebte. Auch heute ist von einem Unbehagen zu hören, man nennt es nunmehr Überforderung. Die Menschen, heißt es, seien vom Leben überfordert. Alles gehe zu schnell, alles verändere sich in rasenden Zügen. Das vermeintlich Neue sei schon morgen wieder das Alte. Die Zukunft offener denn je. Anders als in den Zeiten, als die meisten Menschen noch in der Landwirtschaft arbeiteten und die Zukunft nicht anders als die Gegenwart sein konnte, werde nun das schnelle Rad der Zeit gedreht. Der Hochgeschwindigkeits-Kapitalismus verwirre den Menschen. Er sehne sich nach einer vertrauten Welt zurück. Und deshalb würden die Bürger auch einer Partei die Stimme geben, die nicht nur den Gedanken des Ressentiments, sondern auch jenen der alten Welt zu verkörpern vorgebe.

Selten war die Welt so in Aufruhr wie in unseren Tagen. Doch wie wird es weitergehen? Freud war pessimistisch. Er schrieb: „Die Schicksalsfrage der Menschheit scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden.“

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