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Rauchdusie

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Von: Sandra Danicke

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Haben Sie schon einmal von Nikotinspargel, Stinkadores, Giftnudel oder einer Festrübe gehört?
Haben Sie schon einmal von Nikotinspargel, Stinkadores, Giftnudel oder einer Festrübe gehört? © imago

Wissen Sie, was eine Stinknudel ist? Oder eine Festrübe? Von eigenwilligen Ausdrücken für Genussmittel.

Wer in Franz Dornseiffs „Der Deutsche Wortschatz nach Sachgruppen“ (1934) versehentlich auf Seite 203 gerät, staunt vermutlich nicht schlecht über Kapitel „34. Tabak“. Nicht nur, weil man hier so großartige Synonyme für das Wort Zigarette findet. Oder haben Sie schon einmal von Nikotinspargel, Stinkadores, Giftnudel oder einer Festrübe gehört?

Es folgt eine Aufzählung, die sich der Jahrzehnte später geborenen Nichtraucherin nicht so ohne weiteres erschließt, die aber dennoch so interessant erscheint, dass sie hier aufgelistet werden soll:

Marke Bahnwärter: bei jedem Zug raus.

Marke Dienstmädchen: geht gern aus.

Dreimännerzigarre: drei ziehn, einer spuckt.

Marke Erlkönig: erreicht den Hof mit Müh und Not.

Marke Freimaurer: wird selbst von Maurern nur im Freien geraucht.

Marke Handgranate: anzünden und wegwerfen!

Marke Hannibal: ante portas.

Marke Heideröslein: Knabe sprach „ich breche mich“.

Marke Petrus: Er ging hinaus und weinte bitterlich.

Marke: Wer hat dich, du schöner Wald.

Marke: Der Mann muß hinaus.

Marke Rauchdusie.

Der Verdacht liegt nahe, dass die Qualität des Tabaks in den Dreißigerjahren nicht besonders gut war. Offenbar muss man sich eine Unterhaltung zwischen Raucherinnen und Rauchern damals tatsächlich in etwa so vorstellen:

A zu B: „Lass uns eine plotzen. Haste mal ’nen Glimmstengel?“ B zu A: „Bitte schön, einmal Giftnudel, der Herr. Aber ich warne dich: ist Marke Freimaurer.“ A zu B: „Egal, gib mal Feuer.“ (Nimmt einen tiefen Zug und hustet). „Puh, ich muss gleich speuzen! Du hast recht, der Sargnagel ist allemal Marke Rauchdusie.“

Im Internet findet man darüber hinaus das Begriffspaar Marke Bahndamm (wahlweise Marke Bahndamm auf der Schattenseite): „Die Redewendung“, so die Erklärung im Netz, „ist 1939 bei Soldaten und Zivilisten aufgekommen und seitdem stets dann wieder aufgelebt, wenn die Raucherwaren bewirtschaftet wurden und man zu wunderlichstem Behelfsstoff griff. Der Markenname ist eine scherzhafte Anspielung auf das an Bahndämmen wildwachsende Unkraut, das zu solchen Zwecken geerntet wurde.“

Die besten Sprüche aus der Zeit um 1940 findet man allerdings in Walter Kempowskis Roman „Tadellöser & Wolff“: „völlig verbumfeit“ zum Beispiel, sagen Sie das heute mal zu jemandem und beobachten Sie die Reaktion. Oder dies: „Der ist nicht ganz bei Groschen“. „Wohl vom Wahnsinn umjubelt, was?“ Darauf eine Dreimännerzigarre.

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