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Die Suche nach dem Bestseller treibt viele Menschen zu Ratgebern.

Times Mager

Rat & Tat

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Heute erfahren Sie in der Feuilleton-Kolumne, wie Sie einen Bestseller schreiben. Na ja, fast.

Wenn die Großmutter – dies nur mit einem leicht triumphierenden Unterton – sagte: Man muss sich nur zu helfen wissen, dann war dem Kind klar: Sie hat sich und ihm bereits zu helfen gewusst und es ist gut geworden. Flugs wusste sie sich zu helfen (und machte das Problem einer anderen zu ihrem Problem), als das Kind ein Stück aus seiner fast neuen Lodenpelerine gerissen hatte, da es just über einen Zaun hatte klettern müssen (müssen!), denn dort auf der Wiese glaubte es ein kleines Tier gesehen zu haben. Umgehend war es notwendig zu wissen, um was für ein kleines Tier es sich handeln könnte. Großmütter sehen so was ein.

Zu helfen wusste sich in diesen Corona-Tagen auch der katholische Priester Timothy Pelc und wurde damit jetzt zum Internethelden (bereits 40.000 fast durchweg begeisterte Kommentare).

Pelc nämlich hatte sich vor Ostern von einem Arzt beraten lassen, legte daraufhin zum Fest Maske und Handschuhe an, füllte Weihwasser in eine Spielzeugpistole und segnete und bespritzte seine wie bei einem Drive-through vorbeifahrenden Gemeindemitglieder in Grosse Pointe Park, Michigan, durchs Autofenster. Nicht überliefert ist, ob er sagte: Man muss sich nur zu helfen wissen. Überliefert ist, dass ein Interviewer der „Süddeutschen Zeitung“ im Gespräch über die, nun ja, etwas unübliche Wasserpistolen-Segnung den konservativen deutschen Kardinal Müller erwähnte und Pelc antwortete: „So einen frage ich doch nicht!“

Wenn man sich, anders als Pfarrer Pelc, nicht zu helfen weiß, aber Kardinal Müller ebenfalls nicht fragen möchte, kann man einen Ratgeber kaufen (jetzt übrigens auch wieder direkt in einem Buchladen).

In den USA fragen sich, aus naheliegenden und verständlichen Gründen, gerade Millionen, wie sie zu Hause Geld verdienen können. Und machen folgende Ratgeber (Titel übersetzt) zu Bestsellern: „Wie ich einen Bestseller schreibe“, „Wie ich einen immerwährenden Bestseller schreibe und damit jeden Monat ein Einkommen habe“, „8-Stunden-Bestseller – Wie Sie in Rekordzeit einen Bestseller schreiben“, „Best Seller Blueprint: Wie ich Selfpublisher werde, einen Amazon-Bestseller schreibe und Onlineeinkünfte generiere“, auch schon „Wie ich im Jahr 2020 einen Bestseller schreibe: Was jeder Autor über Bestseller wissen sollte“.

Finanziell zu helfen wussten sich immerhin die Verfasser dieser Ratgeber. Während sich die Käufer womöglich auch nach Bestsellertipp-Lektüre noch nicht zu helfen wissen. Es vielleicht wüssten, wenn sie nicht dringend die Fenster putzen, die Vorhänge waschen, mal wieder „Is’ was, Doc?“ gucken müssten. Das Times mager kennt das Problem, lässt es sich doch zu gern ablenken, gern auch von kleinen Tieren.

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