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Der Mähroboter hält fast niemals inne.

Times mager

Rasen

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Merowinger, Möhrenschäler, Meistersinger? Mähroboter! Die Feuilleton-Kolumne.

Vielleicht geht es Ihnen ja auch so: Kaum haben Sie zum ersten Mal in Ihrem Leben einen Mähroboter gesehen, rasseln Ihnen seine Klangverwandten durchs Hirn, die Merowinger, Möhrenschäler, Meistersinger und wie sie alle heißen, es kann einen ganz kirre machen. Und dann denken Sie, dass es vielleicht beruhigt, sich auf den Mähroboter zu konzentrieren, indem Sie ein bisschen darüber schreiben.

Schon notieren Sie, dass das Ding im Garten neben dem Garten Ihrer Ferienwohnung so aussieht, als hätte Fritz Lang 1928 eine Fortsetzung von „Metropolis“ gedreht, in der die „Ewigen Gärten“ der Oberschicht unentwegt von Mährobotern durchkreuzt werden. Und Sie gestehen sich im Stillen, vom Balkon Ihrer Ferienwohnung Ausschau gehalten zu haben nach fast unsichtbaren Fäden, an denen ein Unbekannter das Ding kreuz und quer über den ohnehin schon gestutzten Rasen zieht.

Jetzt fantasieren Sie, und notieren zugleich, wie die geschundenen Arbeiter im Untergrund von Metropolis der Erde die wertvollen Materialien entreißen, die die Akkus der Mähroboter in den himmelsnahen Gärten der Oberen speisen. Nur dass die Arbeiter nicht „unter uns“ schuften, sondern weit weg in afrikanischem Boden.

Der Mähroboter, auch das muss festgehalten werden, hält fast niemals inne. Sein Zufallsgenerator schickt ihn in allen möglichen Winkeln in alle Winkel des Gartens neben dem Garten der Ferienwohnung, und wenn er, der Roboter, an die Begrenzung stößt, hält er für einen Moment inne („nachdenklich“, hätten Sie nun fast notiert!), dann setzt er zurück, macht kehrt und mäht weiter.

Langsam, ganz langsam geht Ihnen die Überzeugung verloren, dass das Ding wirklich menschlichem Willen folgt. Spätestens als der Mähroboter spürt, dass ihm die Kräfte schwinden, und in mäßigem Tempo zum Ladegerät rollt, wo er für die nächsten Stunden erkennbar entspannt eine Pause einlegt, hören Sie ihn fast sagen, was Sie am Anfang Ihres Urlaubs selbst gesagt haben: Ich brauche Ruhe, mein Akku ist so gut wie leer.

Nun geht die Fantasie endgültig mit Ihnen durch: Was, wenn der Mähroboter den Klimawandel spürte? Was, wenn er mutwillig hier und da um eine selbstgewählte Fläche herummähen würde, um mal ein Blümchen, dann vielleicht einen Busch oder sogar ein Bäumchen sprießen zu lassen? Was, wenn es sich gar nicht um einen Mähroboter handelt, sondern um den getarnten Prototyp eines vollautomatischen Mini-Paketzustellers mit Entschleunigungsfunktion? Oder einen Igelfinder?

Langsam wird Ihnen klar: Die intensive Beschäftigung mit dem Mähroboter trägt auch nicht zur Besänftigung unruhiger Gedanken bei. Und Sie hören auf zu schreiben.

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