Ist das Rabenaas ein Strohkopf?
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Ist das Rabenaas ein Strohkopf?

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Rabenaas - Die Feuilleton-Kolumne

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Ist das Rabenaas ein Strohkopf? Oder was ist es eigentlich? Dumm jedenfalls ist es nicht.

In einer Konferenz, Namen spielen keine Rolle, kam die Frage auf, ob man das Wort Rabenaas auf der Titelseite einer Tageszeitung (wie gesagt, Namen spielen keine Rolle) verwenden solle. Es sei ein schönes Wort, aber was bedeute es? Nicht nur sei es nicht mehr im Gebrauch, es wirke ungekoppelt auch wie Raben-Nas. Hierzu ist nun mancherlei zu sagen. Das Wort Rabenaas lässt sich nicht so einfach koppeln wie etwa das Wort Weihnachtsmannschokoladeeinpackpapier, ist es doch ein altes Wort, das seine Zusammensetzung vor etlichen Jahrhunderten vollzogen hat. Der aktuelle Duden sieht es souverän zwischen Rabelais (Eigenname) und Rabenbein (Knochen im Schultergürtel der Wirbeltiere) vor und findet es durchaus nicht veraltet, sondern salopp abwertend.

Denn Rabenaas ist, der Duden weiß es, viele, sehr viele Menschen wissen es, ein Schimpfwort. Es gibt schlimmere. Die Suche nach Synonymen für Rabenaas bringt einige zutage: Idiot, Ochse, Vollpfosten – und da merkt man schon, dass das alles nicht den Kern des Rabenaases trifft – Dussel, Kamel, Strohkopf – aber nein, nein, nein – Armleuchter, Dämlack, Plattfußindianer – und hier merkt man vor allem, wie sich Schimpfwörter über die Generationen verändern, ohne besser zu werden – Mistkerl, Hurensohn, Sack, Lump, Schuft, Teufelsbraten, Luder – und hier kommen wir der Sache schon näher. Denn Rabenaase sind zwar auch Rabenäser, aber dumm sind sie nicht.

Aber ist das Wort Rabenaas denn auch comme il faut, ist es Literatur, hat es Niveau? Aber ja doch. In Thomas Manns „Buddenbrooks“ lesen wir die bekannten Verse, die hier auf Geheiß eines im Hause weilenden „fremden Predigers“ zu einer „feierlichen, glaubensfesten und innigen Melodie“ gesungen werden: „Ich bin ein rechtes Rabenaas, / Ein wahrer Sündenkrüppel, / Der seine Sünden in sich fraß, / Als wie der Rost den Zwippel. // Ach Herr, so nimm mich Hund beim Ohr, / Wirf mir den Gnadenknochen vor / Und nimm mich Sündenlümmel / In deinen Gnadenhimmel!“ Thomas Mann baut sie in eine geniale Szene ein, in der die Konsulin (5. Teil, 5. Kapitel) ihre fromme Phase ausbaut und das Geschehen nur so flirrt vor Ironie. Aber erdacht wurde sie weit früher, und zwar keineswegs von Luther, wie arglistige, allerdings theologisch informierte Katholiken mutmaßten (Stichwort Rechtfertigungslehre), sondern als Spottvers auf Kirchenlieder, 1840. Spott und Ironie führen zu gern in die Irre, wenn sie gut sind.

Wir stellten uns selbstverständlich auch die Frage, ob das Wort Rabenaas beim Scrabble erlaubt ist. Es ist und bringt zehn Punkte. Abgesehen von alledem: Was, bitte sehr, soll denn Raben-Nas heißen? Lieber widmen wir uns demnächst dem Zwippel.

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